Austria

Baden wie damals: Warum Schwimmen im Donaukanal Tradition hat

Der Kanal ist wegen des angeschwemmten Schlamms zwar trüb, aber badegeeignet.

© Kurier/Jeff Mangione

Ein Verein animiert dazu, in dem Flussarm mitten in Wien schwimmen zu gehen. Das war bereits im 18. Jahrhundet ein großes Ding.

von Stefanie Rachbauer, Julia Schrenk

Wenn Menschen im Donaukanal schwimmen, dann ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass sie das des nächtens – und in nicht mehr ganz nüchternem Zustand – machen. Erst unlängst musste die Polizei zu später Stunde einen nackten Mann aus dem Wasser retten: Er schaffte es nicht mehr aus eigener Kraft ans Ufer.

Dabei könnte der 17 Kilometer lange Donaukanal mehr sein: ein riesiges Schwimmbecken mitten in der Stadt nämlich. Das findet zumindest eine Gruppe von Studenten vom Social Design Studio der Universität für angewandte Kunst.

Sie animiert die Wienerinnen und Wiener nun dazu, im Donaukanal so selbstverständlich zu schwimmen, wie etwa in der Neuen Donau. Das tut sie in zweierlei Hinsicht.

Strandbad im Kunsthaus

Erstens, indem die Gruppe (die bald einen Verein gründen will) selbst im Donaukanal schwimmen geht und Interessierte mitnimmt. Die Idee dahinter: Je mehr Leute dort baden, desto eher werde anderen Stadtbewohnern bewusst, dass das zwar unüblich, aber völlig legal ist – sofern einige Regeln beachtet werden.

Zweitens soll eine Kooperation mit dem Kunsthaus in der Unteren Weißgerberstraße helfen. Im Garten des Museums unweit des Donaukanals wird derzeit eine Art Strandbad eingerichtet: mit 20 Schließfächern, Umkleidekabinen und einer Dusche.

Morgen, Donnerstag, am Abend, wird es eröffnen. Spontan Entschlossene können im Kunsthaus Handtücher und Badeschlapfen ausborgen. So ganz neu ist das Baden im Kanal übrigens nicht.

Floß und Käfig

Schon im 18. und 19. Jahrhundert war das Baden am Donaukanal ein großes Ding in der Stadt.

Ausgelöst vor allem um durch die große Gesundheitsbewegung. 1781 hat der Wiener Arzt Pascal Joseph de Ferro ein Badefloß erfunden, das auf der Donau geschwommen ist und am Ufer befestigt war.

Gebadet haben die Menschen in einer Art Käfig, das hielt sie erstens davon ab, in der starken Strömung davonzuschwimmen und zweitens gegen Gegenstände, die im Wasser trieben, zu stoßen.

„Aalkasten“ nannte das die Bevölkerung, Strombad hieß es offiziell. Auch nahe der Schwedenbrücke gab es ein solches Badefloß. Es war das Vorbild für das Badeschiff, das 2009 zwischen Schweden- und Aspernbrücke eröffnet wurde.

Im Roten Wien wurde Wien zu einer „Stadt der Freibäder“, wie Christoph Freyer, Kunsthistoriker beim Wien Museum, erzählt. Damals wurden buchstäblich die Pflöcke für viele Frei- und Strandbäder eingeschlagen, die es in Wien heute noch gibt.

Kunsthaus

Im Museumsgarten (3., Untere Weißgerberstraße 13) eröffnet am Donnerstag eine Art Strandbad in Donaukanal-Nähe. Tägl. 10 bis 18 Uhr, kein Eintritt. Donnerstags sind „Schwimmgespräche“ geplant. Infos (auch zu den Badeterminen des Vereins) gibt es hier.

Badeschiff

Der Pool am Badeschiff (1., Wolfgang-Schmitz-Promenade) misst 27 mal 7 Meter. Tägl. 8 bis 22 Uhr, 6,50 Euro Tageseintritt.

Gürtelfrische

Ein ausgedienter Container wird zum Pool umgebaut und auf der Straße platziert. (7., Gürtelkreuzung v. Felberstraße u. Stollgasse). Ab August, Eintritt gratis.

Familienbad

Kinder baden zentrumsnah und gratis im Augarten (2., Eingang Karl-Meißl-Straße). Tägl. 10 bis 20 Uhr.

Das Kongressbad in Ottakring etwa stammt aus den 1920er-Jahren, das Kinderbad im Augarten gibt es seit 1927.

Und auch die Idee der Bezirksvorsteher des 7. und des 15. Bezirks, am Gürtel ein Schwimmbecken zu errichten, war so neu nicht. Denn bis in die 1970er-Jahre gab es am Grünstreifen ein Bassin, in dem schulpflichtige Kinder (6 bis 14 Jahre) baden konnten.

Den Kindern in den dicht verbauten Stadtgebieten sollte Platz für Bewegung im Freien gegeben werden. Gar nicht so unähnlich wie heute, also.

1 Quadratmeter pro Person

1968 beschloss die Stadt gar ein sogenanntes Bäderkonzept. Darin wurde festgelegt, dass jedem Wiener und jeder Wienerin exakt ein Quadratmeter Fläche im Freibad zur Verfügung gestellt wird.

Auch den Studenten geht es nicht nur ums Schwimmen, sondern um die politische Debatte.

„Der Donaukanal entspricht 85.000 Quadratmetern flüssigem öffentlichen Raum, der als Naherholungsgebiet genutzt werden könnte“, sagt Amelie Schlemmer von der Angewandten. „Derzeit haben Schiffe Vorrang gegenüber den vielen Stadtbewohnern, die das Wasser genießen könnten.“

Worauf Schlemmer anspielt: Die Wasserstraßenverkehrsordnung verbietet, näher als 30 Meter an Schiffe heranzuschwimmen. Im schmalen Donaukanal bedeutet das: Sobald ein Schiff in Sicht ist, muss man an Land. Rund um Bootsanlegestellen und bei der Nussdorfer Schleuse ist das Schwimmen generell verboten.

Die Wasserqualität des Donaukanals reicht – anders als oft angenommen – laut Experten zum Baden aus. Nur nach starkem Regen, der Schmutz aus der Stadt in den Kanal spült, empfiehlt es sich nicht.

Man appelliere an die Eigenverantwortung, sagt Schlemmer. Die braucht es im Donaukanal generell: Wegen der starken Strömung ist er maximal ein Schwimmbecken für Geübte.

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