Austria

„Wir leben in Vorarlberg in einer Voodoo-Ökonomie“

Krone: Sie sind Landwirt, versorgen hunderte Vorarlberger Haushalte mit Gemüsekisten, verkaufen Gemüse und Fleisch im Hofladen und am Markt - alles in Bioqualität. Ein Traumjob oder einfach nur viel harte Arbeit?
Simon Vetter: Es ist eine extrem schöne, unglaublich bereichernde Arbeit. Das Schönste, das ich bisher gemacht habe. Man trifft die unterschiedlichsten Menschen, von Maschinisten über Köche bis zu Grafikern. Manchmal lache ich selbst über meine absurden Arbeitstage.

Wie viel Fläche bewirtschaften Sie?
Wir sind ein kleiner Betrieb mit knapp 40 Hektar Land. Für Vorarlberg eine Durchschnittsgröße, von der meist nur eine Person leben kann. Nicht 15 wie bei uns.

Und wie gelingt Ihnen diese wundersame Einkommensvermehrung?
In dem wir hauptsächlich Gemüse anbauen und damit die Fläche wesentlich intensiver nutzen können. Das geht natürlich nicht überall, aber im Rheintal gibt es eine unglaublich lange Tradition im Gemüseanbau. Wir haben sehr gute Standortvoraussetzungen. Und auf der Schweizer Seite des Rheins sieht man, was wirklich möglich wäre. Nur einen Steinwurf weit entfernt wird Gemüseanbau auf hunderten von Hektar betrieben. Dort wachsen Kulturen, von denen die Landwirtschaftskammer Vorarlberg behauptet, dass die bei uns gar nicht gedeihen können. Dabei ist dort alles identisch, derselbe Boden, dieselbe Sonneneinwirkung, dieselbe Luft. Nur das politische System ist anders. Wer sich ein Bild machen will, dem sei ein Spaziergang durchs Schweizer Ried bei Lustenau empfohlen: Auch dort wächst Raps und Soja.

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Auf der Schweizer Seite des Rheins sieht man, was wirklich möglich wäre. Nur einen Steinwurf weit entfernt wird Gemüseanbau auf hunderten von Hektar betrieben. Dort wachsen Kulturen, von denen die Landwirtschaftskammer Vorarlberg behauptet, dass die bei uns gar nicht gedeihen können.

Simon Vetter

Der Eigendeckungsanteil bei Gemüse ist in Vorarlberg sehr gering, das war aber nicht immer so.
Ja, derzeit ist er auf historischem Tiefststand, aber es tut sich etwas. So werden im Bregenzerwald etwa Kartoffel angebaut. Das lässt sich auch nicht mehr als Hippie-Spinnerei abtun, das ist eine seriöse Unternehmung. Aber es liegt immer noch ein weiter Weg vor uns.

Im Gegensatz zum Gemüseanbau verfügt die Milchwirtschaft über eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur. Befeuert das die Verknappung des Bodens?
Das ist eine Form der Landwirtschaft, die in den letzten hundert Jahren wirklich massiv unterstützt worden ist - und zwar in allen Belangen. Die Gemüsebauern haben diese Infrastruktur nicht. Immerhin hat die Milchwirtschaft ja eine eigene Kammer in Vorarlberg. Und eine eigene Schule. Als ich die Landwirtschaftsschule abgeschlossen habe, bin ich als Milchbauer rausgekommen und nicht als umfassend ausgebildeter Landwirt. Auch beim Thema Schlachthof zeigt sich dieses Ungleichgewicht. Warum geht es überhaupt um einen Schlachthof und nicht um eine Gemüseaufbereitungsanlage? Immerhin sagen Ernährungswissenschaftler, dass wir ohnehin schon viel zu viel Fleisch essen. Wenn man also schon so viel Geld in die Hand nimmt, warum dann nicht etwas Besseres, etwas Nützlicheres daraus machen?

Blockiert die Milchwirtschaft Flächen?
In den Gunstlagen ja. Ein prominentes Beispiel ist das Gut Mehrerau, das ist der beste Grund und Boden in der Region. Und verpachtet ist dieser an einen Nationalratsabgeordneten, der dort Milchwirtschaft betreibt. Da hätte ich einen anderen Zugang. In Fontanella etwa ist die Milchwirtschaft gut aufgehoben, dort kann man kein Gemüse anbauen, aber in der Mehrerau muss man wirklich nicht noch mehr Milch in den Tank kippen. Also ja, es gibt eine Flächenkonkurrenz.

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Die Bevölkerung wächst, wir brauchen bessere Anbausysteme - für mehr Kalorien

Simon Vetter

Welche Folge könnte es haben, wenn dem Gemüseanbau nicht mehr Platz gewidmet wird?
Er wird sich den Platz nehmen. Wir bekommen immer mehr Unterstützer. Jetzt bauen sogar Ex-Bürgermeister Gemüse an, in Hard etwa. Ich bin optimistisch. Die Bevölkerung wächst, wir brauchen bessere Anbausysteme - für mehr Kalorien. Gras durch einen Rindermagen zu veredeln, ist zwar clever, aber nur dort, wo Ackerbau nicht möglich ist. Mir geht es aber nicht darum, die beiden Systeme gegeneinander auszuspielen, denn die Milchwirtschaft sorgt auch für den nötigen Dünger im Gemüseanbau.

Bodenknappheit ist eines der brennendsten Themen Vorarlbergs, der Druck steigt.
Das ist unser größtes Problem. Wird ein einziger Hektar Grünland in Bauland umgewidmet, so verdient man daran mehr als das Doppelte meines gesamten Erwerbslebens - selbst wenn ich nur noch Safran anbauen würde. Ein Hektar Grünland mit einem Preis von 15 Euro pro Quadratmeter wird zu Bauland mit einem Quadratmeterpreis von 800 Euro. Das ist Gift. Etwas Leistungsfeindlicheres gibt es eigentlich nicht. Aber viele finden Gefallen daran, weil man damit Geld machen kann - und zwar ohne jedes Risiko. Man kann bei diesem Modell ja nicht mal verlieren, das regt mich wirklich auf. Wenn Zahnärzte mehr Geld damit verdienen würden, ihre Zahnarztstühle zu verkaufen als damit, Zähne zu reparieren, wäre es das Gleiche.

Warum ist das so?
Es ist ein historischer Fehler in der Raumplanung. Ist ein Grundstück einmal als Bauland gewidmet, bleibt diese Widmung unwiderruflich auf alle Zeiten erhalten. In anderen Ländern, etwa in Südtirol, ist das anders geregelt. Dort ist das Baurecht an ein konkretes Vorhaben gekoppelt, nicht an das Grundstück. Und somit wird daraus kein handelbares Gut. Bei uns sind 40 Prozent des Baulands nicht bebaut, weil es Spekulationsobjekte sind. Kein Wunder, denn bei diesen Spannen können sogar Bitcoins einpacken.

Wie lässt sich dieses System aufbrechen?
In der Schweiz etwa gibt es sehr strenge Vorgaben. Die Wähler haben dort entschieden, dass es keinen zu großen Baulandüberhang geben soll. Das ist eine politische Entscheidung. Die Frage ist: Ist es politischer Wille, dass man eine Gelddruckmaschine ohne jedes Risiko installiert oder soll man Leistung belohnen?

Aber so viele Menschen können doch gar nicht an diesem Modell verdienen?
Die Preise für Bauland haben sich in den letzten Jahren verdoppelt. Es gibt kaum eine sicherere Anlageform als Grund und Boden. Fast 4000 Hektar Bauland sind in Vorarlberg nicht bebaut, das ist riesig. Rechnet man hier mit einem Quadratmeterpreis von nur 500 Euro, ist es schon unglaublich, welche Werte da aus dem Nichts heraus geschaffen werden.

Und die Landesgrünzone, aus der immer wieder Ecken abgezwackt werden?
Das ist die Konsequenz daraus, weil es für niemanden Grund zu kaufen gibt. Helfen würde es, wenn man die Kosten für gehortetes Bauland wenigstens in Rechnung stellen würde. Denn die Gemeinden müssen die Infrastruktur des unbebauten Baulands gewährleisten. Da geht es um Kanal, um Straßen, um Müll, Strom und so weiter - ob das Grundstück nun bebaut ist oder nicht. Es würde schon reichen, wenn die Gemeinden diese Kosten den Eigentümern in Rechnung stellen würden. So aber führt man noble Diskussionen über die Landesgrünzone, und die Mechanismen der Gemeinden führen dazu, dass die Landesgrünzone ausgehebelt wird. Es gibt ja kaum Grund. Niemand kann sich ein Haus bauen, weil kein Boden da ist. Ich bin ein Freund des Eigentums, aber Eigentum verpflichtet auch - und das vergisst man gerne. Man kann nicht nur haben, man muss auch etwas dafür tun.

Im Jahr 2018 wurden zwei Novellen zu Baulandhortung und Raumplanung verabschiedet, greifen die schon?
Ja klar, ich bin in der Gemeindevertretung, und bei jeder Umwidmung ist das Thema. Das Problem ist aber nicht die Zukunft, sondern die Vergangenheit. Das ist wie beim Jassen: Was liegt, das pickt. Und es pickt gewaltig. Die Raumplanung hat kein Instrument, um hier einzugreifen. All das ist nicht nur eine Gefährdung der Menschen, die etwa im Rheintal wohnen, sondern auch eine Gefährdung der Wirtschaft, denn die Betriebe werden abwandern, wenn sie keinen Platz finden. Die Frage ist: Was wollen wir? In einer Voodoo-Ökonomie nicht arbeiten und Geld scheffeln ohne Risiko oder Unternehmertum belohnen? Die politisch Handelnden sind scheinbar eher für die erste Variante.

Die Coronakrise hat auch Abhängigkeiten aufgezeigt, zum Beispiel vom Ausland, das betrifft auch den Lebensmittelhandel - und das Gemüse.
Die Nachfrage nach regionalen Gemüse und Obst steigt jedenfalls. Derzeit ist es aber noch zu früh, um eine echte Richtungsänderung zu erkennen. Aber die Corona-Krise war schon ein ziemlicher Schuss vor den Bug. Und es gibt auch andere Risiko-Szenarien, zum Beispiel ein Blackout, bei dem die Lebensmittelversorgung ziemlich gestört werden könnte. Ich hoffe, dass in Zukunft diese Risikomatrix stärker präsent ist.

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