Austria

Wie chinesische Medizin die Evolution beeinflusst

Eine von Menschen begehrte Pflanze wird immer unscheinbarer.

Zwischen den kargen Steinen der Hochgebirge in Tibet und Bhutan leuchtet sie im Juni hellgrün hervor, die Pflanze namens Fritallaria delavayi. Zumindest tat sie das: An immer mehr Orten sieht man sie neuerdings bräunlich bis gräulich blühen, als wolle sie sich tarnen, indem sie sich farblich an die steinige und/oder erdige Umgebung anpasst.

Was treibt diese Veränderung? Muss wohl ein Selektionsdruck vonseiten eines Pflanzenfressers sein, dachten Botaniker um Yang Niu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. „Aber wir fanden keine solchen Tiere“, sagt Yang Niu: „Dann wurde uns klar, dass wir Menschen es sind.“ In „Current Biology“ begründen die Botaniker ihre These: Für sie spricht, dass Pflanzen dieser Art an für Menschen gut zugänglichen Stellen eher unscheinbar gefärbt sind als solche an verborgenen oder schlecht zugänglichen Orten. Und dort, wo die Pflanzen professionell geerntet werden, treten sie fast nur mehr in Tarnfarbe auf.

Wieso werden diese Pflanzen geerntet? Nun, die Zwiebel der Fritallaria delavayi ist in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) begehrt, die Atemwegserkrankungen damit behandelt. In den letzten Jahren ist die Nachfrage – und mit ihr auch der Preis – gestiegen. Dieser Druck wirkt sich auf die Evolution der Pflanze aus: Exemplare, die durch eine – wohl anfangs durch zufällige Mutation entstandene – genetische Variante weniger auffällig gefärbt sind, werden weniger leicht gefunden und vermehren sich mehr als leuchtende Exemplare. Dadurch wird diese genetische Variante häufiger und wird sich wohl im Lauf der Zeit völlig durchsetzen. (tk)

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