Austria

Wenn Musen den Präsidenten unterbrechen [premium]

Die Styriarte läutet den Festivalsommer unter Coronabedingungen ein: mit einem Uraufführungsschnellschuss, glanzvoller Barockmusik und einem schlagfertigen Alexander Van der Bellen.

Nein, es ist nicht so einfach, wenn gesungen wird. Wann können und wie sollen Text und Musik zusammenpassen? „Schau, Franze, des derfst du doch ned wörtlich nehmen“, versuchte in goldenen deutschen TV-Serienzeiten der Kopfeck den Monaco Franze zu beruhigen, der von seiner Frau zu Wagners „Ring“ verpflichtet wird und an „Hojotoho“ und „Weiawaga“ schier verzweifelt: „Des musst du dir vorstellen wie bei am Schlager, wie bei, wos woaß i, Baby Baby Balla Balla oder Tschubidubidu.“ Weise Worte: Manchmal saugt die Musik den Text in sich auf, überstrahlt ihn. Manchmal geht sie aber auch so pfleglich mit ihm um, dass man ihn extra gut versteht. Und nicht immer tut ihm das gut.

Keine Walküren oder Rheintöchter traten nun in Graz in Erscheinung, sondern ihre entfernten griechischen Cousinen, die Musen. Als Schutzgöttinnen der Künste stehen sie sogar noch über dem Bundespräsidenten und geboten ihm Einhalt, als er sich zu seiner Rede erheben wollte, um noch ein bisschen zu singen. Nein, es ist kein protokollarischer Fauxpas, der bei heiklen Hofräten Herzinfarkte hervorrufen könnte, sondern Teil jener Inszenierung (Wolfgang Spatzenhofer), mit der die Styriarte in der Helmut-List-Halle ihren Auftakt feierte. Alle neune waren es nicht, zugegeben, vermutlich wegen Reisebeschränkungen und Personenzahllimits, aber immerhin ein halbes Dutzend – und sie huldigten in ihren schrillen Kostümballoutfits (Lilli Hartmann) schon zu Beginn, als sie dem Intendanten Mathis Huber ins Wort fielen, vehement dem Genius loci.

Dieser heißt Joseph Fux: Seit 2018 dreht sich das Festival um den 1741 verstorbenen Komponisten, der es vom steirischen Bauernbuben zum Hofkapellmeister in Wien geschafft hat. „Gradus ad Parnassum“ trällern die Musen also anfangs in Dauerschleife, zitieren damit den Titel von Fux' theoretischem Hauptwerk, diesem großen Lehrgang des musikalischen Kontrapunkts. Aus ihrem Gesang wollen verbildete Kritikerohren wie die meinen eine Verwandtschaft zur „Infirma“-Melodie aus Mahlers Achter heraushören. „Stärk unseres Leibes Gebrechlichkeit“ heißt es im dort vertonten Pfingsthymnus: in Coronazeiten ja keine dumme Anspielung.

Um ihren Beginn zu feiern, an jenem Tag, an dem erstmals wieder immerhin 250 Menschen als Publikum erlaubt waren, hat die Styriarte den „schnellsten Opernauftrag des Jahrhunderts“ vergeben, so Huber: Nur drei Wochen lagen zwischen Idee und Uraufführung der „Musen des Parnass“. Da einen Geniestreich auf der ganzen Linie zu erwarten, wäre ungerecht. Flora Geißelbrecht heißt die 26-jährige, unerschrockene Komponistin, an deren A-cappella-Musik Vorbilder von Weills „Sieben Todsünden“ bis hin zu Werbejingles zu erkennen sind. Ihren Zweck erfüllt sie gut, nämlich in kurzen, eingeschobenen Nummern als sozusagen Fux'scher Kontrapunkt die Eröffnungsreden aufzufädeln und ein musikalisches Mascherl um sie herumzubinden. Beim Libretto des Styriarte-Dramaturgen Thomas Höft hörte man freilich, dass nicht jeder lobenswerte Gedanke (Weltoffenheit statt Lokalpatriotismus, „stark, bös und schön“ singende Frauen statt Pauken und Trompeten) besser und klüger klingt, wenn er gesungen wird.

Das Interessanteste aber war, dass man plötzlich auch die Vertreter der Politik verstärkt als Interpreten wahrnahm: den etwas tonlos trocken klingenden Stadtrat Riegler, den um Nuancen zu gestelzt und routiniert agierenden Landeshauptmann Schützenhöfer. Ein kaum zu zügelnder Improvisator wie Werner Kogler fremdelte etwas mit den Noten, soll heißen: mit seinem Manuskript. Geradezu jazzige Lockerheit und Schmäh bewies dagegen Bundespräsident Van der Bellen, der die Bälle der Musen aufgriff und en passant ein bisserl mit ihnen jonglierte. Er nahm die Kunst gegen alle sogenannte Umwegrentabilität in Schutz: „Kunst ist. Das macht sie so einzigartig.“ Das hätten die Musen ruhig singen dürfen.

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