Austria

Vor 140 Jahren: Der erste Fußballer, der für Geld kickte

© Popperfoto via Getty Images/Paul Popper/Popperfoto/Getty Images

08/02/2020

Englands Pokalturnier ist nicht nur der älteste Fußballbewerb der Welt, sondern auch der wichtigste für die Entwicklung des Spiels. Vor 140 Jahren spielte erstmals ein Profi mit.

von Philipp Albrechtsberger

Es gab eine Zeit, in der es als peinlich galt, wenn man vom Fußball gut leben konnte. Der Vater von Fergus Suter schämte sich für jene sechs Pfund, die sein Sohn alle drei Wochen für dessen Fußballkünste beim Darwen FC im Norden Englands bekam. Das war im Jahr 1879. Fußball war in der Anfangszeit per Regulativ ausschließlich Amateuren vorbehalten, oder – besser gesagt – Menschen, die es sich leisten konnten, nicht wirklich arbeiten zu müssen. Fergus Suter brach mit dieser Tradition – und mit der Elite im viktorianischen England.

Der erste Fußballprofi der Geschichte legte den Grundstein dafür, dass das Spiel zum Volkssport werden konnte – und zum zweiten großen Massenphänomen unserer Zeit: Dem bewegten Ball folgte Jahrzehnte später das bewegte Bild.

Englische Volksseele

Dass Fergus Suter in der Fußball-Historie dennoch nur eine Randnotiz gewidmet ist, mag im englischen Mutterland auch daran liegen, dass er Schotte war. Eine späte Würdigung ist seit einigen Wochen auf der Streaming-Plattform Netflix zu bestaunen.

Die sechsteilige Serie "The English Game" ist dabei keineswegs nur für Fußball-Freaks sehenswert. Drehbuchautor Julian Fellowes agiert wie auch schon bei seiner preisgekrönten Produktion "Downtown Abbey" als exzellenter Chronist der englischen Volksseele. Der Fußballplatz dient ihm lediglich als emotionales Spielfeld, auf dem sich die gesellschaftlichen Klassen treffen. Und reiben.

Dreh- und Angelpunkt der Serie ist der FA-Cup. Der älteste Fußballbewerb der Welt, erstmals ausgetragen 1871, ist seither ein Fixpunkt im englischen Fußballbetrieb. Wie auch am Samstag. Nicht nur Londons Bewohner blickten gespannt zum finalen Stadtduell zwischen Rekordtitelträger FC Arsenal und dem FC Chelsea.

Im FA-Cup-Viertelfinale 1879 begegnete Fergus Suter seinem Gegenspieler Lord Arthur Kinnaird, der zweiten historischen Figur der Serie. Der feine Herr aus dem feinen London ist Mannschaftsführer der Old Etonians, die das damals noch recht junge Spiel zwar nicht erfunden, aber nach deren Selbsteinschätzung zumindest kultiviert haben.

Versiertes Passspiel

Majestätsbeleidigung trifft es ganz gut, als Fergus Suter und seine Kollegen die beschwerliche Reise per Dampflok (immerhin!) Richtung London auf sich nahmen. Gekommen aus dem Norden Englands, wo die Landschaft zwar schier endlos weit scheint, aber die Aussicht dennoch gering ist, überraschten die Mannen vom Darwen FC mit ihrer Spielauffassung. Anstatt mit einer aus dem populären Rugby abgeleiteten starken Physis brillierten die Arbeiter aus der Textilfabrik mit versiertem Passspiel.

Und schon damals zeigte sich das Geniale am Fußball: Er lässt erstaunlich oft Außenseitern eine Chance. Womöglich sind die Regelhüter auch deshalb bis heute vorsichtig, wenn es um gravierende Neuerungen geht. Schon im FA-Cup von 1879 standen 22 Spieler auf dem Feld, betrug die Spielzeit 90 Minuten, war das Tor so breit wie heute.

Das Jahr, in dem der englische Fußballverband FA gegründet wurde. Aktueller Präsident ist Prinz William.

... Besucher kamen am 16. März 1872 zum ersten Finale im FA-Cup. Der Wanderers FC aus London besiegte die Royal Engineers mit 1:0.

... umfasste 1888 die erste Saison in Englands Football League. Elf davon gibt es auch heute noch: Aston Villa, Blackburn Rovers, Bolton Wanderers, FC Burnley, Derby County, Everton, Notts County, Stoke City, West Bromwich, Wolverhampton und Preston North End, das den ersten Meistertitel gewann.

Und ebenfalls schon damals ließ sich das Volk leicht verführen mit Fußball. Wenn in der Fabrik in Darwen am Abend die Maschinen abgedreht wurden, hatten die Arbeiter oft nur zwei Optionen: Pub oder Fußballplatz. Der Weg auf das Spielfeld war zumindest günstig, weil der Fabriksbesitzer den Fußball liebte und sich nichts sehnlicher wünschte als den Sieg im FA-Cup.

Mit Fergus Suter, dem gelernten Steinmetz aus Glasgow, wähnte er sich am Ziel seiner Träume. Doch Leistungssport war auch im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert kein Wunschkonzert. Immerhin mussten die Old Etonians den Darwen FC im Viertelfinale nach zwei Remis zu zwei Wiederholungsspielen (so läuft der FA-Cup) bitten, ehe die Favoriten doch als Aufsteiger feststanden. 

Ende einer Ära

Aufzuhalten war die Arbeiterklasse aber längst nicht mehr. Das erkennt auch Lord Arthur Kinnaird. In seiner 33 Jahre andauernden Ära als Präsident des englischen Fußballverbandes FA fällt im Jahr 1885 die Amateurregelung. Drei Jahre danach nimmt die nationale Football League ihren Spielbetrieb auf. Der moderne Fußball ist geboren.

Wegbereiter Fergus Suter war da längst weitergezogen – ins benachbarte Blackburn. Der Konkurrent zahlte ihm bereits sechs Pfund pro Woche, dazu kam ein Wechselhonorar von satten 100 Pfund. In der Liga ist dem Pionier allerdings keine prägende Ära vergönnt: Im Spätherbst seiner Karriere wird er nur noch ein einziges Mal eingewechselt.

Football news:

Trainer Brentford: wir sind von der Mitte bis zur Dritten Mannschaft der Saison gegangen. Das ist eine unglaubliche Leistung
Burnley wird Tarkowski nicht für weniger als 50 Millionen Pfund verkaufen
Leicester will Trinkau mit einer Ablösesumme von 50 Millionen Pfund an Barça vermieten
Scott Parker: Fulham hat viel zu tun. Und das freut mich
Manchester United droht aus den Sancho-Verhandlungen auszusteigen, wenn Borussia Dortmund den Preis von 120 Millionen Euro nicht senkt
Cesc über Casillas: Du bist ein Spiegel, in den man schauen kann
Einsame Maskottchen sind ein weiteres Symbol des Jahres