Austria

Simmering: Ein Arbeiterbezirk wird hip

Die Gasbehälter aus 1896 wurden revitalisiert. Heute gibt es dort  Wohnungen und ein Kino

© Getty Images/PleskyRoman/iStockphoto

Das erste Hipster-Café gibt es bereits. Viele zog es wegen des Grüns und der günstigen Mieten in den Bezirk, das birgt auch Schattenseiten.

von Katharina Zach

42. Nein, das ist nicht die Hausnummer des gleichnamigen Cafés in der Simmeringer Geiselbergstraße. Es ist – frei nach dem Science-Fiction-Klassiker „Per Anhalter durch die Galaxis“ – vielmehr die Antwort auf alle Fragen. Vielleicht bis auf eine: Warum eröffnet man mitten im 11. das einzige Hipster-Café im Bezirk?

Eine Marktlücke, erklärt Inhaber und Science-Fiction-Fan Rudi Klein. Dabei habe er gar nicht vorgehabt, ein Kaffeehaus zu eröffnen. Und schon gar nicht in Simmering. Doch aus dem Fenster seiner Wohnung gegenüber habe er immer Geschäftsleute beobachtet. Und ein anderes Angebot gab es für sie nicht.

Seit 2018 versorgt Klein nun also die Firmen in der Umgebung. In seinem Café gibt es kein Plastik, alle Produkte kommen von lokalen Produzenten und mit jedem Kaffee wird ein soziales Projekt unterstützt. Bisher ist sein Hipster-Café ein „Alien“ im Bezirk. Denn die Gentrifizierung, die ist in Simmering noch nicht so richtig angekommen. Auch wenn zuletzt mehr Studenten ins Grätzel gezogen sind und bei neuen Bauprojekten Urban Gardening beworben wird.

Der 11. ist in der Stadt als Industriebezirk bekannt. Und wegen des Zentralfriedhofs. Doch tatsächlich hat der Bezirk, der aus den Teilen Simmering, Albern und Kaiserebersdorf besteht (Letztere sehen sich eher als eigene Gemeinde), und an Favoriten die Leopoldstadt und Landstraße grenzt, weit mehr zu bieten.

Rund 42 Prozent beträgt der Grünanteil. Das liegt auch an den vielen Gärtnereien, die im 11. beheimatet sind. Sogar einen Feigenbauern gibt es.

Simmering ist beliebt

Dazu kommen 48 Parks und versteckte grüne Innenhöfe. Auch Kaffeehaus-Chef Klein ist wegen der guten Verkehrsanbindung mit U3 („in 15 Minuten zum Stephansplatz“), S-Bahn und Autobahn sowie der Nähe zur Natur in den 11. gezogen.

„Innerhalb von fünf Minuten findet jeder Simmeringer eine Grünfläche“, formuliert es Bezirksvorsteher Paul Stadler (FPÖ). Weswegen es auch keine Hitzehotspots gebe. Ganz so sieht das Klein nicht. Zumindest rund um die Geiselbergstraße brauche es mehr grün.

1892 wurden die einstigen Vororte Simmering und Kaiserebersdorf eingemeindet und wurden zum 11. Bezirk, Albern folgte 1938. Seit 2000 fährt die U3 bis Simmering und 2001 wurden die markanten Gasbehälter zur Gasometer-City umgebaut – die tatsächlich noch zum 11. gehört und nicht zur Landstraße.

Seither verändert sich der Bezirk sukzessive. Zuletzt ist viel gebaut worden, die Bevölkerung hat in den vergangenen zehn Jahren um 16,7 Prozent zugenommen. Exakt 104.434 Menschen leben nun im 11. Bezirk. Und auch die Mieten zogen an.

Kurioses
Säulen des Schloss Neugebäudes zieren die Gloriette: Das Schloss selbst wurde 1569 errichtet, sogar der erste Elefant Wiens lebte dort. 1774 beauftragte Maria Theresia mehrere Säulen abzunehmen und auf der Gloriette wieder aufzustellen. Der letzte Scharfrichter Österreich-Ungars, Josef Lang, war Simmeringer. Der Cafetier  vollstreckte 39 Todesurteile, war aber auch als Lebensretter bekannt   

Persönlichkeiten
Zu den bekanntesten Simmeringern gehört Herbert Prohaska.  Auch Ex-Bundeskanzler Christian Kern wurde im damals erzroten Bezirk geboren. Profiboxer und Sänger Hans Orsolics sowie Musiker und Schauspieler Hansi Dujmic stammen ebenfalls aus dem 11. Hieb

Das gefällt nicht allen. „Es war wie ein Dorf. Es ist traurig, wenn man sieht, wie sich der Bezirk verändert“, sagt Werner, der im Café Zipp bei der U3-Station Zippererstraße ein Bier trinkt.

16 Friseure

Vor allem die Simmeringer Hauptstraße ist ein Thema. Viele Geschäfte haben zugesperrt, stattdessen sind Kebab-Stände und gezählte 16 Herren-Friseure eingezogen.

Ein Problem, gegen das auch Bezirksvorsteher Stadler, der sich eine Umgestaltung wünscht, bisher wenig ausrichten konnte. Und es seien zu viele Migranten, finden Walter und seine Bekannten.

Allerdings trügt ihn der Schein, denn mit 18,6 Prozent Anteil an Migranten liegt Simmering nur knapp über dem Wien-Schnitt mit rund 17 Prozent. Wo anders wohnen, das will er aber so oder so nicht.

Was die Bewohner im Moment beschäftigt: Es gibt zu wenige Kindergärten im Bezirk und auch die Schulen seien voll, sagt der Bezirkschef.

Einige Jungfamilien hätten den Bezirk daher notgedrungen verlassen müssen. Immerhin bekommt Simmering nun gleich zwei Bildungscampus. Bei Neubauten wird zudem auf die Errichtung von Kindergärten geachtet. Man will die jungen Familien schließlich halten.

Und vielleicht gibt es dann auch in Simmering mehr Cafés wie das „42“ von Rudi Klein – oder zumindest mehr Lokale. Denn wenn dem 11. etwas fehlt, dann ein Grätzel, das abends zum Flanieren einlädt.

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