Austria

"Schreiben ist Einzelhaft"

"Freiheit ist nicht etwas, das einem in die Wiege gelegt wird. Dafür muss man sich immer wieder einsetzen", sagt Barbara Frischmuth im OÖN-Gespräch. Anfang Mai hat die Schriftstellerin (79) den Aufruf Kulturschaffender "Gegen Gewalt an Frauen. Frauenmorde gehen uns alle an" unterzeichnet. "Frauen müssen dranbleiben und aufpassen, dass nicht Dinge, die man schon erreicht hat, vernachlässigt werden. Man muss darauf beharren. Täglich", ist die Schriftstellerin, die am 5. Juli ihren 80. Geburtstag feiert, überzeugt.

Ein Satz ergibt den anderen

Fünf Frauen, die aktiv handeln und sich wehren können, widmet sich Barbara Frischmuth, seit 1999 wieder in ihrem Heimatort Altaussee lebend, auch in ihrem neuen Erzählband "Dein Schatten tanzt in der Küche". "Ein Jahr hat dieser Satz in meinem Kopf herumgespukt, bis er einen zweiten, einen dritten und vierten gefunden hat." Einen festen Plot für ihre Geschichten hat sie nie. "Das kann ich nicht. Es kann nicht alles immer vorherbestimmt sein. Alles ist in Bewegung. Das Leben ist die Vielfalt in Person. Das macht es ja so interessant und gibt einem die Lust daran, verschiedenste Lebensformen, Menschen und Verhältnisse sichtbar zu machen durchs Schreiben." Komprimierte "Lebensbilder" nennt sie ihre Erzählungen. Etwa von Darya, die auf der Flucht vor einer Zwangsheirat den Geliebten verliert. Von Amelie, einer in die Jahre gekommenen Schauspielerin, die in ihrem alten Kostüm im Kaffeehaus hofft, wiedererkannt zu werden. Von Doris, die verlassen wird, sich neu verliebt und bei einem Unfall stirbt. "Das ist Leben. Es kann immer etwas passieren, womit man nicht gerechnet hat. Wir sind der Zukunft nicht mächtig", deren Regisseur der Zufall ist. "Das hat mit Schicksal nichts zu tun."

Auch dass sie sich als Studentin an der Uni Graz für Türkisch entschieden hat, sei "Zufall" gewesen. "Ich wollte eher Arabisch, Iranistik, Judaistik studieren, aber das war damals nicht möglich." Zufällig, "weil es niemand anderer wollte", führte sie als erste Europäerin ein Stipendium in die Türkei, wo sie 1960 den ersten Militärputsch erlebte. Erfahrungen in der Fremde, die unter anderem in ihren Roman "Das Verschwinden des Schattens in der Sonne" (1973) eingeflossen sind. "Nichts war vorauszusehen. Es kommt nur darauf an, ob man diese Chance nützen und diesen Weg gehen will. Das Leben entsteht aus vielen Wirkkräften." Weshalb es auch keine einfachen Antworten aus dem Mund von Barbara Frischmuth gibt. "Dieses Ja-Nein gibt es nicht. Es gibt nur ein ,Ja, aber’, ein ,Nein, aber’".

Ebenso akribisch recherchiert hat die passionierte Gärtnerin für ihren frisch im Residenz Verlag erschienenen Essay "Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen", in dem sie nachspürt, "wie man über Natur spricht in verschiedenen Zeitaltern und Literaturarten."

Kippende Kreisläufe der Natur

Wobei es der Mutter eines Sohnes auch darum geht, "die Gefährdung sichtbar zu machen. Dass es nicht so weitergehen kann, dass diese Kreisläufe intakt bleiben und nicht aufgrund von Gier oder Allmachtsfantasie gekippt werden. Das kann man im Kleinen sehen. Das Insektensterben führt zu einem Vogelsterben, zu einem Amphibiensterben. Jeder dieser Ausfälle ist nur Teil eines Ganzen. Jeder Ausfall macht etwas anderes mit dem Kreislauf. Der Ressourcenraub ist nicht einfach zu durchschauen." Dass der Einzelne nichts machen könne, "das stimmt nicht, weil sich nur die Mehrheit dafür interessiert, wenn einer damit anfängt. Dann wird es auch zu einem größeren Verständnis kommen. Das ist fast wie bei der Herdenimmunität."

Sie selbst hat das vergangene Jahr in Altaussee verbracht. "Man konnte spazieren gehen, sich um den Garten kümmern." Das Alleinsein sei sie als Autorin gewohnt. Sie lacht: "Schreiben ist Einzelhaft vor einem Schreibgerät", aus der sie jetzt ihre Lesereise befreit.

An einen neuen Roman denkt sie – nach ihren Kindheitserinnerungen "Verschüttete Milch" (2019) – vorerst nicht. "Wahrscheinlich werde ich mich mit Kurzprosa weiter beschäftigen, aber auch da ist jetzt mal Sense. Der eine Satz ist einfach noch nicht da, an dem ich mich entlanghanteln könnte." Das kann morgen schon anders sein. "Manchmal wartet man, ob er nicht wieder verschwindet. Verschwindet er nicht, hat man eh keine andere Wahl." Auch das ist Zufall.

Barbara Frischmuth: "Dein Schatten tanzt in der Küche." Erzählungen, Aufbau Verlag (2021), 224 Seiten, 20,10 Euro.

21.-22. 5.: Steyrer Literaturtage

21. Mai: 19 Uhr: Renate Welsh, 20.30 Uhr: Stefanie Sargnagel

22. Mai: 10.30 Uhr: Andreas Stichmann; 15 Uhr: Milena Michiko Flasar; 16 Uhr: Lydia Mischkulnig; 17 Uhr: Barbara Frischmuth, 19 Uhr: Franzobel; Moderation: Kristina Pfoser

23. Mai: 11 Uhr: Die Strottern

Alle Veranstaltungen im Museum Arbeitswelt in Steyr, Wehrgrabengasse 7; bei Schönwetter im Freien, im Kulturcontainer auf dem Vorplatz; der Eintritt ist frei, eine Registrierung ist nötig unter
steyrer-literaturtage.at

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