Austria

Rosenkranzkirche: Radikal schlicht, radikal modern

Serie "Kunst in der Kirche": Die purifizierte „Gottesburg“ in Hetzendorf beeindruckt mit einem Triptychon von Ernst Fuchs

von Thomas Trenkler

Christian Fröhlich, einer der KURIER-Layouter, schlug, nachdem er einen Teil dieser Serie gestaltet hatte, die Rosenkranzkirche in Hetzendorf vor. Und Piroska Mayer-Sebestyén, auf Architektur spezialisiert, war sofort bereit, sie uns zu erklären. Denn die Fremdenführerin wusste, dass diese Kirche heraussticht: Sie ist radikal schlicht. Und radikal modern.

Mitbeteiligt an der Neugestaltung war Friedrich Achleitner, der große Architekturkritiker. An der späthistorischen Fassade mit Jugendstilelementen lässt sich das nicht ablesen. Umso größer sind beim erstmaligen Betreten Überraschung und Wirkung.

Weil Hetzendorf anfänglich zur Pfarre Atzgersdorf gehört hatte, diente viele Jahre die – mit der Zeit zu klein gewordene – Kapelle des Schlosses als Kirche. 1893 kam es zur Gründung des Kirchenbauvereins. Weihbischof Godfried Marschall bestimmte den Baugrund weit entfernt vom Ortskern – und verewigte sich. Denn die Kirche liegt am Marschallplatz.

Und der in Hetzendorf ansässige Jung-Architekt Hubert Gangl bot sich an, die Pläne gratis zu zeichnen. Er entwarf eine neuromanische „Gottesburg“, wie mit einem Steinbaukasten aus verschiedenen geometrischen Formen zusammengesetzt.

Wenn man sich von Norden nähert, glaubt man, den kleinen Bruder der Franz-von-Assisi-Kirche am Mexikoplatz erkennen zu können. Was nicht verwunderlich ist, wie Piroska Mayer-Sebestyén erklärt. Denn Hubert Gangl studierte von 1892 bis 1895 an der Akademie der bildenden Künste bei Victor Luntz. Und der Herr Professor gewann den Wettbewerb um die monumentale Kirche an der regulierten Donau, die an die 50-jährige Regentschaft von Kaiser Franz Joseph (1898) erinnern sollte. Die Bauarbeiten zogen sich über Jahrzehnte hin, die Rosenkranzkirche hingegen ließ sich 1908/’09 realisieren.

Die Basilika hatte eine reiche Innenausstattung: Franz Zelezny, für Adolf Loos der größte Holzschneider der damaligen Zeit, schuf u. a. die Kreuzwegreliefs, die Kanzel und Altäre. Und er entwarf den Luster, der, im April 1926 montiert, der größte Wiens gewesen sein soll: Er war acht Meter hoch, wog eineinhalb Tonnen, hatte einen Durchmesser von drei Metern und 140 elektrische Kerzen. Engel trugen eine Rosengirlande, integriert war eine Marienfigur auf der Weltkugel.

„Bund Neuland“

Am 17. Oktober 1944, ein halbes Jahr vor Kriegsende, traf eine Bombe die Kirche beim Stiegenturm; darunter, im Luftschutzraum, starben 16 Menschen. 1949 erfolgte eine notdürftige Instandsetzung. Und Joseph Ernst Mayer, Pfarrer seit 1946, dachte, durch die Kriegsschäden quasi legitimiert, über einen tief greifenden Umbau nach.

Mayer kam aus dem „Bund Neuland“. Der katholischen Jugendbewegung entsprungen, strebte der Verein ab 1919 eine Modernisierung der Liturgie an. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten etliche Bund-Neuland-Persönlichkeiten Österreich mit, darunter Kardinal Franz König, Presse-Chefredakteur Otto Schulmeister, Unterrichtsminister Felix Hurdes und Monsignore Otto Mauer.

Zusammen mit Mauer, der 1954 die Galerie nächst St. Stephan gründete, ersann Mayer das Konzept für die Kirche. Die Mehrheit der Gemeinde wünschte sich jedoch keine „purifizierende Neuinterpretation“, sondern eine Restaurierung. Und so entspann sich eine heftige Debatte. 1954 wurde der Diözesankunstrat damit befasst.

König folgte 1956 auf Theodor Innitzer – und der neue Erzbischof gab im April 1957 seinen Sanctus für die Umgestaltung nach dem Entwurf von Friedrich Achleitner und Johann Georg Gsteu.

„Feierliche Formen“

1958 trauten die Menschen ihren Augen nicht: Es war nichts übrig geblieben – bis auf die Madonna aus dem Luster, die Orgel und ein Mosaik in der Seitenkapelle. Die Gläubigen standen plötzlich in einem nackten, weiß getünchten, dunkel asphaltierten Raum.

Die Glasfenster in der halbrunden Apsis waren zugemauert, sämtliche Reliefs abgeschlagen worden, auch die Kapitäle der Säulen, die nun Pfeiler waren. Mayer fasste es so zusammen: „Aller unechte Zierrat wurde entfernt und der Raum auf große, einfache, feierliche Formen und Linien gebracht.“

Die Kirche nahm die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) vorweg. Denn der Altarbereich rückte als leicht erhöhte Plattform von der Apsis nach vorne – in die Vierung, also die Schnittfläche von Lang- und Querhaus.

Parallel zu den Umbauarbeiten schrieb Otto Mauer einen künstlerischen Wettbewerb aus. Die Entwürfe wurden in der Galerie präsentiert, wie Piroska Mayer-Sebestyén erzählt. Auch Arnulf Rainer nahm teil, aber Ernst Fuchs, der zum Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus werden sollte, gewann mit seinem Triptychon „Die Geheimnisse des hochheiligen Rosenkranzes“. Die drei Gemälde – jedes etwa drei mal drei Meter auf zusammengenähten Ziegenhäuten – wurden ab 1960 an Alu-Standarten aufgehängt.

Das Unverständnis war gewaltig: Das sei doch keine Kunst, sagte man, sondern „Pseudokunst“! In der Verkündigungsszene z. B. sieht man eine schwangere Maria; und im Fastentuch-Hintergrund der Kreuzigungsszene glaubte man einen Hampelmann erkennen zu können.

1976 veröffentliche ein gewisser Herbert Baum eine üble Hetzschrift über die Freimaurer und „Die Blasphemien von Wien-Hetzendorf“; sie verfehlte ihre Wirkung nicht: Im September 1979 riss ein Mann die drei Gemälde herunter, zerschnitt sie – und konnte vom alten Kaplan Franz Hübel gerade noch davon abgehalten werden, den Haufen mit Benzin zu übergießen und in Brand zu stecken. Der Attentäter wurde von der Polizei festgenommen. Er wollte, wie er gesagt haben soll, den Frevel an der Muttergottes sühnen. Denn Ernst Fuchs hätte Maria als Hure dargestellt. Das Gericht erklärte den Mann für unzurechnungsfähig.

Kurz zuvor war Hans Michael Bensdorp (ja, ein Nachkomme des Schokoladefabrikanten) auf Joseph Ernst Mayer gefolgt. Er blieb bis 2010 Pfarrer der Kirche - und leitet nun ein 1965 geweihtes Gotteshaus in der Margaretenstraße 141, das praktisch niemand kennt. Denn es befindet sich im Kellergeschoß eines Wohnhauses.

„Feine Malerei“

Bensdorp kam, von Piroska Mayer-Sebestyén gebeten, zu unserem Treffen in der Kirche. Er könne, sagte er, jene verstehen, die damals entsetzt waren. Denn die Schäden seien nicht derart massiv gewesen, dass man alles hätte abschlagen müssen. Über das Triptychon allerdings lässt er nichts kommen: „Der junge Fuchs nähte die Ziegenhäute mit einem Stich zusammen, den auch die alten Meister verwendet haben. Das heißt: Er hat sein Bestes geben wollen. Und er hat sich intensiv mit der Bibel beschäftigt.“

Bensdorp rühmt die "feine Malerei", die hohe Symbolkraft, die vielen Verweise. Und dann liest er eine Passage aus der Offenbarung des Johannes vor: "Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt. Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.“

Tatsächlich: Fuchs malte nur, was geschrieben steht. Er verwendete hauptsächlich Blau, Türkis, Orange und Gold, ließ sich für sein Meisterwerk von der Ikonenmalerei inspirieren oder mittelalterlichen Buchillustrationen. Die Ablehnung setzte ihm zu: „Fuchs war so gekränkt, dass er sich von der Kirche abgewandt hat“, sagt Bensdorp. Erst sehr spät, wenige Jahre vor dessen Tod im Jahr 2015, hätte es eine Versöhnung gegeben.

Die Gemälde wurden restauriert, die Schnittstellen sind fast nicht auszumachen; die Kapelle mit dem Mosaik ist nun ein Abstellraum. Und eine Frage bleibt: Was passierte mit der originalen Ausstattung? Hat man sie tatsächlich einfach zerstört?

Zur Person 
Piroska Mayer-Sebestyén  wurde in Ungarn geboren und gelangte 1956 mit ihren Eltern nach Wien. Ihr Vater war der Schriftsteller György Sebestyén. Sie wuchs in Chile auf, studierte Architektur, kam zurück nach Wien – und ist seit 1994 Fremdenführerin

Schwerpunkte
Führungen auf Deutsch, Englisch und Spanisch, Spezialgebiet ist natürlich die Architektur (z. B.  Werkbundsiedlung, Sonnwendviertel, die Künstlerkolonie auf der Hohen Warte und die WU).

Info: [email protected]

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