Austria

Plötzlich Held der Freiheiten

Sebastian Kurz bei Sandra Maischberger - die Deutschen feiern den Ösi-Kanzler wieder einmal

© WDR/Oliver Ziebe

Kurz und Merkel erkennen, dass es nur mit Zusperren nicht weitergeht. Ein paar Hausaufgaben wären halt noch offen

von Andreas Schwarz

Verkehrte Welt. Bis vor Kurzem galt der Kanzler als der große Bremser, wenn es um die Lockerung von Corona-Maßnahmen ging. Im Herbst noch hätte er von den Schulen angefangen am liebsten frühzeitig alles dichtgemacht – und ärgerte sich über die Grünen und ihren Gesundheitsminister, die die Sache entspannter angingen. Jetzt lässt sich Sebastian Kurz – wieder einmal – von Bild bis Sandra Maischberger als Held feiern, der die Rückkehr zur Normalität verspricht: „Wir wollen die Freiheit zurück“, sagt der Kanzler, und der „grüne Pass“ ist die Zauberformel, mit der Geimpfte, Genesene und/oder Getestete endlich wieder die Freiheit des Reisens und des Wirtshausbesuchs erleben sollen. Nur Rudolf Anschober blickt verstört.

Die Deutschen staunen nicht schlecht. Über diesen Ösi-Kanzler sowieso, aber auch über ihre Kanzlerin. Die hat ihnen seit Jahresbeginn nicht den Schimmer einer Öffnungshoffnung gegeben: Das „Ding“ sei entglitten, wurde sie zitiert, „wir müssen noch strenger werden“. Und jetzt? Spricht sie vom Freitesten (war das nicht einmal eine Kurz-Idee?) noch im März, auf dass das langsam in die Normalität führe.

Dabei ist Deutschland vom Ziel 35 bei der 7-Tages-Inzidenz unerreichbar weit entfernt. Und Österreich ist mit mehr als 2.000 Neuinfektionen schon wieder in eine Richtung unterwegs, deren Wegweiser bisher „Lockdown“ hieß.

Erkennen die Verantwortlichen ein Jahr nach Ausbruch des Virus in Europa, dass sich das Leben nicht nur an Infektionszahlen orientieren kann? Dass es auch andere Parameter gibt, an denen sich die Gesundheit einer Gesellschaft misst? Dass der Virologe auf seinem Feld recht hat und der Psychologe und der Ökonom auf jeweils seinem? Dass die Bevölkerung das weiß und daher nicht mehr mitkann mit einer sturen Formel Infektion = Sperren zu?

Es gibt kein absolutes Wahr und Falsch in dieser Pandemie, das haben wir in dem einen Jahr gelernt. Ebenso, dass die Politik mit Trial and Error rudert. Vielleicht soll der Schwenk zur Öffnung auch ablenken von vielen Irrtümern, Unzulänglichkeiten und nicht gemachten Hausaufgaben: Lockdowns, die keine waren und die Falschen trafen; tagelange Diskussionen, ob man Regionen mit Inzidenzen von 500+ abriegelt oder nicht (und wenn, dann tut man’s überüberübermorgen, damit das Virus ja noch raus kann); ein Debakel beim Impfmanagement (mit 87-Jährigen, die heute nicht annähernd wissen, wann sie drankommen, von Jüngeren nicht zu reden); … die Liste lässt sich fortsetzen.

Verkehrte Welt: Schweden mit seinem maßlos überschätzten „Sonderweg“ vieler Corona-Freiheiten sperrt gerade langsam zu; wir sperren langsam auf, auch aus der Sorge der Politiker, im Corona-Frust unterzugehen. Zurück zur Normalität, ja, das wäre schön. Aber nur ein bisschen Heldentum der Freiheit wird dafür nicht reichen.

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