Austria

Party, Pech und Pannen: Das Chaos um Patientin 0 in Ischgl

© Getty Images/annie_zhak/iStockphoto

Die AGES präsentierte eine angeblich Anfang Februar an Corona erkrankte Kellnerin als ersten Fall in Ischgl-Fall. Am späten Abend wurde dann auf eine andere Bar-Mitarbeiterin korrigiert.

von Christian Willim

Cluster S.

So heißt Österreichs größter Coronavirenherd bei den heimischen Gesundheitsbehörden. Gemeint ist  Ischgl, das seit Wochen Schlagzeilen als europäische Drehscheibe der Epidemieausbreitung gilt, aber auch das gesamte Paznauntal und die daran angrenzende Tiroler Arlbergregion. Und dieser Hotspot soll sich bereits Anfang Februar entzündet haben. Das zumindest ist die Annahme der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit). Deren Leiter für Humanmedizin präsentierte am Donnerstagmorgen bei einer Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Rudi Anschober (Grüne) zunächst eine Schweizer Kellnerin des „Kitzloch“ als Patientin 0 in Ischgl.

Sie war am 9. März – zwei Tage nachdem Barkeeper des Après-Ski-Lokals, der bislang als erster Fall galt – mit weiteren Mitarbeitern positiv auf das Coronavirus getestet worden. Erkrankt sei sie aber, so Allerberger, bereits am 5. Februar. Ein Paukenschlag.

Denn das Krisenmanagement des Landes rund um den Ausbruch im „Ballermann der Alpen“ steht seit nun bald drei Wochen im Fadenkreuz der Kritik. Wurde das Risiko unterschätzt? Vonseiten der Behörden gar fahrlässig gehandelt? Haben Touristiker frühe Fälle vertuscht? Und zog die Landespolitik auf Druck der Branche später die Saison-Bremse, als es die Dynamik erforderte?

Umso brisanter war die Aussage von Allerberger.

„Aus unserer Sicht haben wir keine Kenntnis von einem derartigen Fall gehabt“, sagte der Tiroler Landeshauptmann-Stellvertreter Josef Geisler (ÖVP) am Donnerstag auf KURIER-Nachfrage bei einer Video-Pressekonferenz. Als erster Fall werde jener vom 7. März – also der positiv getestete Barkeeper – geführt. „Wir gehen bis jetzt wissenschaftlich immer von einer Inkubationszeit von 14 Tagen aus. Das Ganze ist medizinisch nicht ganz nachvollziehbar“, sagt Geisler, der Aufklärung von AGES und Gesundheitsminister forderte.

Von der AGES war zunächst keine Antwort auf die KURIER-Anfrage zu erhalten, wie man zu der Erkenntnis gelangt sei, dass die Schweizerin bereits Anfang Februar mit dem Coronavirus infiziert war und seit wann das bekannt ist. Am Donnerstagabend ruderte Anschober schließlich zurück und sprach von einem „Eingabefehler“.

Davon war zu diesem Zeitpunkt auch das Land Tirol ausgegangen. Denn im Zuge der polizeilichen Ermittlungen vor Ort soll die Schweizer Kellnerin angegeben haben, vor ihrem positiven Test am 9. März Symptome verspürt zu haben. Aber am 5. März und nicht am 5. Februar. 

Zweite Patientin 0

Doch damit war das Chaos für diesen Tag noch nicht beendet. Noch am selben Abend präsentierte die AGES eine neue Patientin 0. Es handle sich vielmehr um eine einheimische Kellnerin, die am
8. Februar erkrankt sei. Auch sie wurde am 9. März positiv auf das Coronavirus getestet.

Zum langen Zeitraum zwischen vermeintlicher Erkrankung und dem Test erklärte Allerberger in einer Aussendung: „Die Tatsache, dass PCR-Testungen auch noch Wochen nach Genesung positive Resultate erbringen können, ist nicht ungewöhnlich.“ Eine neuerliche Anfrage an die AGES, wann man mit der Tirolerin Kontakt aufgenommen habe und somit die Rückschlüsse gezogen hat, blieb wieder unbeantwortet.

Beim Land Tirol geht man davon aus, dass sich diese Annahme ebenfalls auf die Erhebungen der Behörden vor Ort stützt. Demnach habe die Frau angegeben, dass „sie seit circa einem Monat Erkältungssymptome hatte“, so ein Sprecher. Daraus könne man aber nicht ableiten, dass sie in dieser ganzen Zeit an Covid-19 erkrankt gewesen sei.

Fehlerhafte Abstimmung

Es ist nicht das erste Mal, dass es bei der Abstimmung zwischen Bund und Land hapert. Am bisher folgenschwersten dürfte die Panne rund um die Verhängung der Quarantäne über Ischgl, das Paznauntal und St. Anton am Arlberg gewesen sein.

Virendrehscheibe Ischgl gilt seit Wochen als ein Epizentrum der Ausbreitung von Covid-19. Laut AGES sind 611 Fälle in Österreich auf den Ansteckungsherd zurückzuführen. Im Ausland dürften es doppelt so viele sein, heißt es.  

Cluster S Die Gesundheitsbehörden sprechen vom Cluster S. Zu dem gehören neben Ischgl auch das restliche Paznauntal, die Tiroler Arlbergorte St. Anton und St. Christoph sowie Serfaus.

Österreich-Fälle 573 der „Cluster S“-Fälle Österreichs haben sich direkt in der Region infiziert. 38 weitere Personen wurden vor allem von Heimkehrern aus dem Skiurlaub infiziert. Außerhalb Tirols ist vor allem Oberösterreich stark betroffen

Die Ankündigung der Sperre am 13. März durch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) live im Fernsehen führte zu einer regelrechten Flucht von Urlaubern aus der Region, ehe die Polizei alle Sperren einrichten konnte.

Als eher skurrile Panne geht der 25. Februar in die österreichische Corona-Geschichte ein. Es war der Tag, an dem in Tirol die ersten Covid-19-Fälle Österreichs bekannt wurden. Infiziert war eine Italienerin, die mit ihrem Freund aus Bergamo nach Innsbruck zurückgekehrt war, wo sie in einem Hotel arbeitet.

Posse um Quarantäne

Landeshauptmann Günther Platter erklärte zunächst, dass der Arbeitsplatz der Betroffenen gesperrt wird – ohne ihn beim Namen zu nennen. Der sickert durch. Innenminister Karl Nehammer sprach in Wien derweil von einer „Quarantäne“ des Betriebs, aus dem dann mitten während einer ORF-Liveschaltung ein Mann spazierte.

Wie KURIER-Recherchen tags darauf ergaben, stand das Hotel mitnichten unter Quarantäne. Es sei vielmehr vorübergehend gesperrt worden, um in Ruhe Kontaktpersonen der italienischen Rezeptionistin ermitteln zu können. Stichwort Contact-Tracing.

Vollkommen überrumpelt wurde die Tiroler Polizei am 10. März durch eine Pressekonferenz von Bundeskanzler Kurz. Dort verkündete er, dass ab sofort ein Einreisestopp an der Grenze zu Italien gelte.

Tatsächlich dauerte es 24 Stunden, bis das Grenzmanagement anlief, von dem es 2016 in der Migrationskrise hieß, dass die Aktivierung
48 Stunden dauert. Der damalige Landespolizeidirektor Helmut Tomac sitzt  heute als Generalsekretär des Innenministeriums im Krisenstab der Bundesregierung.

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