Austria

Paare: Wiedervereint durch die Krise?

© Getty Images/Pekic/iStockphoto

Durch Corona näherten sich viele Ex-Partner wieder an – gleichzeitig steigen die Scheidungsanfragen.

von Marlene Patsalidis

Für Mike war es eine Erleichterung – als seine Beziehung ein beinahe prototypisches Ende fand: Fehler auf beiden Seiten, Streit, schließlich der Entschluss, lieber getrennte Wege zu gehen. Nach dem Aus zwischen ihm und seiner Freundin folgten neun Monate Funkstille. Dann kam Corona – „und ich habe sie nach wenigen Tagen kontaktiert“, erinnert sich der 25-Jährige im Gespräch mit dem Independent.

Dass Paare nach einer Trennung neuerlich Kontakt zueinander suchen, gar einen zweiten Anlauf in Erwägung ziehen, ist nicht ungewöhnlich. In Zeiten der Pandemie dürfte sich die Tendenz verstärkt haben, wie eine neue Studie aus England nahelegt: Die Dating-Website eHarmony befragte 2.000 Singles, jeder Fünfte gab an, sich während des Corona-Lockdowns bereits mit einer ehemaligen Flamme in Verbindung gesetzt zu haben oder entsprechende Pläne zu schmieden. Bei den Beweggründen liefern sich der Corona-bedingte Mangel an neuen Datingoptionen (27 %), Einsamkeit (26 %) und Langeweile (24 %) ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Andrang. Nicht nur Aussöhnungen, auch Trennungen scheinen dank Corona Hochsaison zu haben: Laut einem ORF-Bericht registrieren Scheidungsanwälte und Paarberatungsstellen um ca. ein Drittel mehr Anfragen.  „Durch den Lockdown gab es nur eingeschränkt Möglichkeiten, sich beraten zu lassen. Der aktuelle Zulauf ist teilweise ein Staueffekt“, sagt Paarberaterin Katharina Henz.

Corona sei per se kein Scheidungsgrund. „In einer Krise werden nur die Sollbruchstellen deutlicher.“ In Partnerschaften bauen viele auf  „in guten wie in schlechten Zeiten“. War der Partner in einer schon belasteten Beziehung während des Lockdowns nicht krisenkompetent und loyal, sei man eher geneigt, einen Schlussstrich zu ziehen. 

Die verordnete Zweisamkeit hat zugeschüttete Gräben offengelegt. Die Corona-Zeit war vor allem für Familien bürdevoll, betont Henz. „Die Kinderbetreuung auszuverhandeln, war der größte Druckpunkt.“ In vielen Partnerschaften seien Geschlechtergerechtigkeitsdiskurse aufgebrochen. „Frauen haben ihre Partnerschaft reflektiert, wenn ihnen unterstellt wurde, ihr Job sei weniger wichtig, oder eine Geringschätzung bei der Kinderbetreuung zutage trat.“

Immerhin 22 Prozent fanden in der Isolation Zeit, über vergangene Beziehungen nach- und deren Ende zu überdenken. So wie Mike: „Der Lockdown zwingt uns, Entscheidungen zu reflektieren, insbesondere wichtige, die unser Liebesleben betreffen.“

Die Gründe für einen Beziehungsrestart sind unterschiedlich. Während des Lockdowns scheint das Revival einheitlicher motiviert, vermutet Paartherapeutin Katharina Henz: „Es ist naheliegend, dass alte Kontakte wiederbelebt werden. Die Menschen haben zu Beginn des Lockdowns wie wild ihr Umfeld durchtelefoniert, um sich zu vergewissern, dass es allen gut geht und sie sozial gut eingebettet sind.“ Es sei absolut denkbar, „dass da auch die Nummer von dem ein oder anderen Ex-Partner gewählt wurde“.

Nur geträumt

Gedanken an den oder die Ex verfolgen viele bis in die Träume: Google-Auswertungen zufolge hat die Zahl der Suchanfragen nach „Warum träume ich von meinem Ex?“ während Corona um das 25-Fache zugenommen. Der wichtigste Treiber in der krisenbedingten Einsamkeit ist Sentimentalität, erklärt Henz. „Retrospektiv neigen wir dazu, Dinge schönzufärben. Die Ex-Beziehung erscheint womöglich emotional wertvoller, als sie war.“ Hinzu komme, dass die Krise verunsichert hat. „Ist man orientierungslos, greift man auf vertraute Erfahrungen und damit verbundene Menschen zurück.“ Das gibt Halt – oder vermittelt kurzfristig den Anschein davon.

Ob Annäherungen in Krisenzeiten Bestand haben können? „Durchaus“, sagt Henz, „allerdings gibt es kein Patentrezept, das für alle Paare gleich hilfreich ist“. Damit der zweite Anlauf nachhaltig ist, gilt es, „sich mit den problembehafteten Seiten an sich selbst und dem anderen auseinanderzusetzen, offen darüber zu sprechen, auch wenn es schwerfällt“.

Unterstützend können in einer Paarberatung Lösungswege erarbeitet werden, um Konflikten vorzubeugen. Für den neuen, alten Alltag miteinander rät Henz, die Beziehung des Öfteren bewusst und nicht nur bei Zwist aus der Vogelperspektive zu betrachten: „Um eingefahrene Muster und Dynamiken zu erkennen, in die man in einer zweiten Beziehungsrunde schnell schlittert.“

Ob es für Mike und seine Verflossene ein Happy End geben wird, steht in den Sternen. „Ich habe keine Ahnung, ob wir wieder zusammenkommen. Aber wir haben wieder angefangen zu reden und das war wirklich tröstlich. Besonders jetzt, wo sich alles so seltsam und ungewohnt anfühlt.“

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