Austria

Nobelpreisträgerin Alexijewitsch verlässt Belarus

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist das vorletzte Mitglied des Koordinierungsrats der Opposition, das noch in Freiheit in Belarus ist. Ein Sprecher erklärt, es handle sich lediglich um einen medizinischen Aufenthalt in Berlin.

Die weißrussische (belarussische) Oppositionelle und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch ist nach Angaben eines ihrer Mitarbeiter nach Deutschland abgereist. Grund der Reise sei eine medizinische Behandlung sowie ein Arbeitsaufenthalt, sagte der Vertraute der Schriftstellerin am Montag. Es geben keine politischen Motive für die Deutschland-Visite. Alexijewitsch plane, in ihrer Heimat zurückzukehren.

Die Autorin gehört zu den schärfsten Kritikern von Machthaber Alexander Lukaschenko. Sie forderte immer wieder seinen Rücktritt. Alexijewitsch musste als Präsidiumsmitglied des Koordinierungsrates der Opposition in Belarus befürchten, wie ihre Mitstreiter entweder in Haft zu kommen oder gegen ihren Willen außer Landes gebracht zu werden. Seit Wochen demonstrieren Zehntausende Menschen gegen Lukaschenko, dem sie Wahlbetrug vorwerfen. Die Sicherheitskräfte gehen mit großer Härte gegen die Demonstranten vor. Auch den Koordinationsrat haben sie ins Visier genommen.

Kürzlich hatten sich westliche Diplomaten für den Schutz Alexijewitsch eingesetzt, sie richteten auch einen Wachdienst ein, nachdem die Schriftstellerin sich in ihrer Wohnung in Minsk von den belarussischen Behörden bedroht gefühlt hatte. Alexijewitsch hatte viele Angebote aus dem Ausland erhalten, sich in Sicherheit zu bringen.

Solidarität aus aller Welt

Auch Friedenspreisträger aus aller Welt hatten sich mit der Autorin solidarisiert und ihren Mut gewürdigt. "Sie hat nichts anderes getan als das, wofür sie mit dem Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im Jahre 2013 ausgezeichnet worden ist: die Wahrheit auszusprechen und ihre Stimme all jenen zu leihen, die sich auflehnen gegen Erniedrigung", hieß es in der Erklärung.

"Wir solidarisieren uns mit Swetlana Alexijewitsch und ihren Gefährt*innen vom Koordinationsrat und fordern die Einstellung der Einschüchterung, der Terrormaßnahmen gegen sie wie gegen die bisher so friedlich verlaufene Bewegung des belarussischen Volkes."

Alexijewitsch war wie die meisten anderen Mitglieder des Koordinierungsrates der Zivilgesellschaft unlängst auch zur Vernehmung vorgeladen worden. Sie beklagte zuletzt öffentlich, dass ihr Präsidiumskollege Maxim Snak festgenommen wurde. Zuvor waren die Oppositionelle Maria Kolesnikowa und andere verhaftet worden. Zwei Präsidiumsmitglieder hatten das Land auf Druck der Behörden verlassen.

„Wir wollten keine Spaltung"

"Erst haben sie uns das Land gestohlen, jetzt greifen sie die Besten von uns auf", sagte Alexijewitsch unlängst. Aber es kämen Hunderte andere an ihrer Stelle. Das Land bäume sich auf gegen den Machtapparat. Es gehe hier aber nicht um einen Umsturz, wie von Lukaschenko behauptet. "Wir wollten keine Spaltung in unserem Land. Wir wollten, dass in der Gesellschaft ein Dialog beginnt." Es gingen auch Menschen mit kleinen Kindern auf die Straße, weil sie fest vom Sieg überzeugt seien.

Zugleich appellierte die Nobelpreisträgerin an Intellektuelle in Russland, den "Volkswillen" in Belarus zu unterstützen. "Warum schweigt Ihr? Wir hören nur seltene Stimmen der Unterstützung (...) Warum schweigt Ihr, wenn Ihr seht, dass ein kleines stolzes Volk getreten wird? Wir sind doch Eure Brüder."

(Ag.)

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