Austria

München ist näher als Linz

Mattighofen ist ein einziges Stauloch

© Pressefoto Scharinger / Daniel Scharinger

Regionalpolitik

12/04/2019

Der prosperierende Wirtschaftsraum Innviertel fühlt sich vernachlässigt. Von Gerhard Marschall.

Die Braunauer sind neuerdings mit dem Auto schneller in München als in Linz. Die Entfernung zur jeweiligen Stadtgrenze ist in etwa gleich, die Fahrzeit freilich nicht. Ende September wurde auf bayerischer Seite die 33-Kilometer-Lücke in der A94 zwischen Pastetten und Heldenstein geschlossen.

Linz ist fern

Dass dem oberen Innviertel die eigene Landeshauptstadt ferner ist als Bayerns Metropole, hat nicht nur historische und sprachliche Ursachen. Von Linz aus gesehen ist der oberösterreichische Westen irgendwo, was sich in der Politik niederschlägt. Das Innviertel ist die am stärksten wachsende Industrieregion Österreichs. Die Zahl der Betriebe nimmt beständig zu, alles in allem gibt es in den drei Bezirken Braunau, Ried und Schärding aktuell rund 120.000 Beschäftigte. Das erzeugt zunehmend Schwer- und Individualverkehr. Die Investitionen in die Infrastruktur halten mit dieser Entwicklung bei weitem nicht Schritt.

Mehr Verkehr

Die Versäumnisse reichen weit zurück. Geplant war seinerzeit etwa eine Schnellstraße von der Innkreisautobahn A8 nach Braunau/Simbach. Daraus wurde nichts. Die Autobahnabfahrt Ried-Walchs hausen, als Knoten ausgelegt, fiel entsprechend überdimensional aus. Unweit davon steht eine Brücke einsam in der Landschaft – Denkmal für das Unvollendete. Es werde jedenfalls einem verstärkten Verkehrsaufkommen von und nach Deutschland kommen, schlägt die Wirtschaftskammer Braunau Alarm.

1400 befragte Betriebe

Rund 1.400 Betriebe haben an einer Online-Befragung teilgenommen. Obmann Klemens Steidl fasst die Kritik zusammen: „Das höherrangige Straßennetz im Bezirk hinkt der Wirtschaftsentwicklung hinterher. Ohne gegen das Land zu wettern, muss man sagen: Das ist denen gar nicht so bewusst.“ Deswegen sei das Innviertel vernachlässigt worden, beklagt Steidl: „Man hat immer nur auf Linz und auf den Speckgürtel geschaut und dass das Mühlviertel die tollsten Autobahnen kriegt.“ Gefordert wird eine Reihe von Sofortmaßnahmen, etwa die seit bald 50 Jahren urgierte Umfahrung von Mattighofen. Beispielhaft für das nicht wirklich leistungsfähige Straßennetz wird die B147 angeführt: Nur auf sechs der 35 Kilometer zwischen Braunau und Straßwalchen gebe es kein Tempolimit oder Überholverbot.

Auch im Nachbarbezirk Ried boomt die Wirtschaft, vor allem in der nördlichen Ecke zu Schärding hin. Dort ist rund um den Flugzeugkomponentenhersteller FACC ein riesiger Wirtschaftspark herangewachsen. Die Nähe zur Autobahn sei für Ried ein Vorteil, sagt Christoph Wiesner, der Bezirksstellenleiter der Wirtschaftskammer. Jedoch komme die A8 immer mehr an ihre Kapazitätsgrenzen.

Schlechte Anbindung an Salzburg und ins Salzkammergut

Abgesehen vom Fehlen einer leistungsstarken Ost-West-Achse ist aus Rieder Sicht die schlechte Anbindung an den Raum Salzburg das größte Problem. Die L508 wurde zwar irgendwann einmal im Kobernaußerwald dick ausgebaut, davor und danach geschah dann nichts mehr. Somit endet die schnurgerade Straße kurz vor Schneegattern auf der grünen Wiese. Auch von Ried südwärts, nach Vöcklabruck und in das Salzkammergut, ist kurvenreiches Geschlängel. Ausbaupläne wurden ebenso regelmäßig präsentiert wie verworfen. Wiesner verweist noch auf eine Besonderheit des Bezirks Ried: Täglich pendeln mehr Menschen von Linz hierher ein als dorthin aus. Das zeuge von der Attraktivität der Betriebe, sei aber auch Auftrag an die Politik, in den öffentlichen Verkehr zu investieren.