Austria

Michaela Kastel: "Kein Fan vom Happy End"

"Schon als kleines Kind wollte ich Schriftstellerin werden", erzählt die junge Autorin Michaela Kastel. Sie heftete Zeichnungen zusammen, da sie noch keine Buchstaben schreiben konnte oder diktierte ihrer Mutter Texte. "Das eigene Buch in der Hand halten, dieses Gefühl habe ich schon als Kind geliebt", betont sie.

Nach ihrem Schulabschluss an einer katholischen Privatschule studierte sie sich quer durch das Angebot der Universität Wien, ehe sie in einer Buchhandlung zu arbeiten anfing. "Es war nicht immer einfach zu arbeiten und abends noch an meinen Büchern zu schreiben", erinnert sie sich zurück.

Aber aufgeben war für sie nie eine Option: "Ich habe fünfunddreissig Bücher geschrieben und beim dreissigsten Buch hat es dann geklappt. Man muss Absagen einstecken können. Man muss den Ehrgeiz haben, immer wieder etwas Neues zu schreiben, auch wenn man von dem letzten Projekt denkt, das es das Beste sei, was man je geschrieben hatte. Wenn es keiner will, dann heißt es weiter im Text und weiterschreiben."

Der Durchbruch gelang ihr schließlich 2018 mit dem Buch "So dunkel der Wald" (Emons Verlag, 304 Seiten, 18,50 Euro). Der Thriller wurde mit dem neuen europäischen Krimi-Oscar, dem Viktor-Crime-Award ausgezeichnet. In diesem Werk bricht sie Tabus, erzählt von einer schaurigen Geschichte, von Kindern die ein Leben ohne Zukunft führen, da sie von einem gewissenslosen Entführer tief in den Wald verschleppt wurden. Die Geschichte erinnert an aktuelle Ereignisse in den Niederlanden und an Täter, wie Wolfgang Priklopil oder Josef Fritzl.

Michaela Kastel lässt sich gerne von Orten, Szenen und Gefühlen inspirieren. Für "So Dunkel der Wald" war es zum Beispiel das Zweithaus ihrer Großeltern in Oberösterreich, das abgelegen in einem Wald liegt: "Ich habe dort einige Sommer verbracht. Es ist wunderschön, kann aber auch sehr gruselig sein. Die Idee des Abgelegenen, des Verschollenen, das habe ich damals stark gespürt, als ich das Buch geschrieben habe."

In Wien flüchtet sie sich regelmäßig in das Arsenal, in das ehemalige militärischen Gebäudekomplex im dritten Bezirk. Dort holt sie tief Luft, schaltet ab und spaziert stundenlang mit ihrem Hund Skyline: "Ich finde es ist ein sehr abgelegener Ort. Die versteckten Gassen und Plätze, man sieht dort wenige Leute. Ich habe viel Zeit und Ruhe um in mich zu gehen und nachzudenken. Bei mir kommen viele Ideen spontan, wenn ich alleine bin."

Schreiben ist ihre Leidenschaft, sie ist jetzt genau dort, wo sie sein will. Ihre Finger sind schneller, als sie selbst wusste, die Geschichten sprudeln aus ihr heraus. In nur 12 Tagen hat sie ihr allerletztes Buch („C‘est la fucking vie“, Ueberreuter, 18 €, ab Februar 2020 erhältlich) geschrieben. "Ich war wie in einem Rausch und ich kann mir gar nicht erklären, warum das so schnell passiert ist", erzählt sie. In diesem Buch geht es um eine komplexe Beziehung, zwischen zwei Freunden, zwei jungen Erwachsenen, dessen Grenze zwischen Beziehung und Freundschaft verschwimmt. Es geht um die erste Liebe und dessen Hürden.

Bei „Worüber wir schweigen“ (Emons Verlag 2019, 320 Seiten, 20 Euro), dem zweiten Thriller von Michaela Kastel hat sie sich von einem alten Nonnenfriedhof bei ihrer ehemaligen katholischen Schule, der auch versteckt in einem Wald liegt, inspirieren lassen. In diesem Werk geht es um Teenager, Liebe, Hass, Eifersucht, emotionale Verwirrungen und einen fragwürdigen Todesfall eines gemeinsamen Freundes, über den alle schweigen.

Ihre Bücher werden hochgelobt aus allen Ecken, vor allem deutsche Medien sehen in ihr ein internationales Nachwuchstalent. Vielleicht ist das auch ihr nüchterner Zugang, die verschiedenen Perspektiven und die psychologischen zwischenmenschlichen Ebenen, die in ihren Werken präsent sind. Happy Ends findet Michaela Kastel langweilig, düstere Geschichten seien die wahre Herausforderung: "Sie sind manchmal unrealistisch. Ich finde es auch viel spannender, wenn es anders ausgeht. Ein Ende das kein klassisches 'Happy End' hat, muss nicht automatisch ein schlimmes Ende haben."