Austria

KHM: „Teure Ausstellungen werden wir uns nicht leisten können“

Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, über „Höhere Mächte“ – und ihre Strategie für die Zukunft

von Thomas Trenkler

Das Kunsthistorische Museum ist zwar geschlossen, durch den Bruegel-Saal kann man seit Kurzem dennoch flanieren. Zumindest virtuell auf www.khm.at: Die Gemälde lassen sich heranzoomen, es gibt jede Menge Infos zum Anklicken. Dass die raffinierte Spielerei einen Besuch aber nicht zu ersetzen vermag, weiß Sabine Haag, die Generaldirektorin des KHM-Museumsverbandes (Schatzkammer, Weltmuseum, Theatermuseum, Wagenburg u. a.).

KURIER: Die Museen waren 2020 monatelang geschlossen. Wie sehen nun die KHM-Zahlen aus?

Sabine Haag: Wir hatten 475.135 Besucher; im Jahr davor waren es 1,65 Millionen. Das bedeutet ein Minus von 71 Prozent. Der Anteil der „Locals“ hat sich zwar von 20 auf 40 Prozent verdoppelt, allerdings ist diese Aussage trügerisch, denn die Zahl der heimischen Besucher hat sich gegenüber 2019 halbiert. Der Rückgang der Touristen lag sogar bei 80 Prozent. Also drastische Einbußen – auch bei den Einnahmen.

Die Ausfälle wurden aber teilweise vom Staat ersetzt.

Statt prognostizierten 24 Millionen Euro haben wir nur sieben Millionen erwirtschaftet. Durch Einsparungen in den Bereichen Personal, Werbung, Sonderausstellungen und so weiter konnten wir das Minus von 17 Millionen um acht Millionen reduzieren. Die Verlustabdeckung betrug 6,4 Millionen, die Kurzarbeitsförderung machte etwas mehr als drei Millionen aus. Somit konnten wir ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Das Jahr 2020 hat uns vergleichsweise keine großen Sorgen gemacht. Kopfschmerzen bereiten die Folgejahre. Es wird noch Zeit brauchen, bis sich die Menschen wieder so sicher fühlen, dass sie gerne ins Museum kommen.

Haben Sie im letzten Jahr Erkenntnisse gewonnen?

Dass ein Museum für einen längeren Zeitraum geschlossen ist, war völlig neu für uns. Es ging zunächst darum, aus einem analogen Museum ein digitales zu machen – bei eingeschränkten Ressourcen. Und wir wissen, dass unser Publikum in der nahen und mittleren Zukunft ein anderes sein wird.

Weil die Touristen ausbleiben.

Ja. Eine weitere Erkenntnis ist: Es wird nicht gehen, weiterzumachen wie bisher. Es braucht eine differenziertere Publikumsansprache, es braucht digitale Formate, die schneller und aktueller sind.

Sie haben doch immer der Aura des Originals das Wort geredet.

Das tue ich auch! In der Zukunft wird es allerdings zwei Museen parallel geben: das analoge und das digitale. Und beim digitalen Museum wird der partizipative Anteil wichtig sein.

Der digitale Inhalt bleibt gratis?

Natürlich müssen wir uns überlegen, wie wir Erlöse generieren können. Ich bin gegen unprofessionell gefilmte Homevideos von Kuratoren, sie entsprechen nicht unserem Standard. Aber unsere digitalen Angebote sind qualitätvoll.

Sie zeigen in der Wagenburg die Ausstellung „Coronas Ahnen“. Warum bieten Sie diese nicht digital an? Sie wäre prädestiniert. Denn sie besteht aus Grafiken, Dokumenten, Text – und kaum Exponaten.

Die Ausstellung entstand auf Initiative der Direktorin der Wagenburg. Die Idee war schon, die Aufmerksamkeit auf diesen Standort in Schönbrunn zu lenken. Wir hoffen daher auf eine Wiedereröffnung am 8. Februar. Digitalisieren können wir die Ausstellung immer noch.

Ist das Datum realistisch?

Ich weiß es nicht. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, den Termin festzulegen. Wir haben nur bereit zu sein für den Zeitpunkt X. Ich bin davon überzeugt, dass die Museen die ganze Zeit offen sein hätten können. Denn sie sind sichere Orte. Das haben wir auch immer propagiert.

Aber man kann sich auf dem Weg nach Schönbrunn anstecken.

Dafür sind wir nicht zuständig, das ist Sache der Politik. Unsere Verantwortung beginnt beim Eingang.

Angenommen, Sie dürfen am 8. Februar öffnen: Wird man auch noch die Beethoven-Ausstellung im Hauptgebäude sehen können?

Nein, leider. Sie wird dieser Tage abgebaut. Der logistische Aufwand und die Kosten etwa für die Versicherung wären zu groß gewesen. Zumal ja nicht absehbar ist, ob wir wirklich öffnen dürfen. Und längst ist der Aufbau für die Sonderausstellung „Höhere Mächte“ eingetaktet.

Diese Ausstellung ist, wie „Coronas Ahnen“, eine Folge der Pandemie?

Ja. Was haben wir gelernt? Dass Pläne nicht halten. Und dass der Leihverkehr schwierig geworden ist. Daher haben wir die Tizian-Ausstellung in den Herbst 2021 verschoben. Und es war klar, dass wir eine Ausstellung mit unseren Beständen zusammenstellen. Das Thema „Höhere Mächte“ erscheint uns relevant. Es wird partizipative Elemente geben, also die verstärkte Einbindung des Publikums über unseren digitalen Auftritt. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach einem gemeinsamen Austausch und nach einem emotionalen Kunsterlebnis.

„Beethoven bewegt“ war quasi das einzige Vermächtnis des designierten Zwischendurchdirektors. Sie wurde hochgelobt. Kränkt Sie das?

Nein, ich freue mich über jeden Erfolg für dieses Haus. Aber ich muss Sie korrigieren: Eike Schmidt hatte nur die Idee einer Ausstellung zum 250. Geburtstag von Beethoven; umgesetzt wurde sie von unserem vierköpfigen Kuratoren-Team.

Von ihm bleibt nur Andreas Kugler. Jasper Sharp und Stefan Weppelmann verließen das KHM, Andreas Zimmermann legte seine Leitungsfunktion zurück. Was ist los?

Eine Personalfluktuation ist etwas ganz Normales. Ja, Stefan Weppelmann ist seit 1. Jänner Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig. Die Leitung der Gemäldegalerie wurde ausgeschrieben.

Zeitgenössische Kunst soll es auch ohne Jasper Sharp geben?

Seine Programmierung war klug und sehr erfolgreich. Sie hat bewiesen, dass auch Museen, die keine moderne Kunst sammeln, in diesem Bereich reüssieren können. Natürlich werden wir uns weiterhin mit Aspekten der zeitgenössischen Kunst im Kontext mit unseren Sammlungen auseinandersetzen. Aber wir wollen diesen Bereich ein bisschen anders aufsetzen. Denn so teure Ausstellungen wie Lucian Freud oder zuletzt Mark Rothko werden wir uns in den nächsten Jahren nicht leisten können.

Gerade diese Ausstellungen haben auch international für Furore gesorgt. Warum leitet Zimmermann nicht mehr die Kunstvermittlung?

Aus persönlichen Gründen, die nichts mit mir oder der inhaltlichen Ausrichtung des Hauses zu tun haben. Die Position ist bereits neu besetzt – mit Rotraut Krall.

Die Kunstvermittler sind ja die ärmsten Hunde in der Corona-Zeit.

Ja, die Situation der Kunstvermittler ohne Fixanstellung ist schwierig. Und gerade im ersten Lockdown war sie prekär. Aber immerhin ist es gelungen, die Kunstvermittler in die Kurzarbeit aufzunehmen. Unter der Pandemie leidet aber auch der Guest Service, also der Aufsichtsdienst.

Wenn es weniger Besucher gibt, braucht es, wie Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder erklärte, weniger Kunstvermittler.

Es wird in den nächsten Jahren nicht den gleichen Bedarf nach Kunstvermittlung geben wie vor der Pandemie. Wir hatten 2020 den Auftrag des Kulturministeriums, niemanden pandemiebedingt zu kündigen. Kunstvermittlung wird in jedem Fall ein zentraler Aspekt der Museumsarbeit bleiben.

Auch die Leitung des Weltmuseums ist vakant. Christian Schicklgrubers Vertrag läuft im März aus.

Wir werden sehr bald einen Namen nennen dürfen.

Das Weltmuseum ist im Corps de Logis der Neuen Burg untergebracht. Von dort könnte man recht einfach zu weiteren KHM-Sammlungen gelangen. Aber …

Ja, wir würden gerne die Lücke schließen – mit der Aufstellung des Heroons von Trysa, das man noch nie als gesamthaftes Monument sehen konnte. Die baulichen Maßnahmen haben sechs Millionen Euro gekostet. Aber derzeit ist in diesen Räumen das Haus der Geschichte Österreich untergebracht.

Und der Mietvertrag kann nur mit Zustimmung der Kulturpolitik gekündigt werden.

Genau. Wir konnten am 31. Dezember erstmals den Wunsch nach Kündigung aussprechen, aber er wurde, das war uns klar, negativ beschieden. Wir werden es in einem Jahr wieder versuchen. Das Haus der Geschichte ist wichtig – und sollte den richtigen Platz haben. Auch weitere Flächen in der Neuen Burg würden die Institution nicht stärken. Es wäre an der Zeit, dass die Republik für das Haus der Geschichte einen geeigneten Ort findet.

Noch eine letzte kulturpolitische Frage: Staatssekretärin Andrea Mayer muss laut Koalitionsabkommen eine Holding für die Bundesmuseen etablieren. Ich nehme an, dass auch Sie dagegen sind?

Der KHM-Museumsverband ist bereits eine Mini-Holding. Eine Holding macht nur Sinn, wenn sie den Bundesmuseen zu mehr Ressourcen verhilft. Wenn das Geld nur in diese neue Struktur fließen sollte, bin ich dagegen.

130-Jahr-Jubiläum: Das KHM, am 17. Oktober 1891 eröffnet, gewährt jedem an seinem Geburtstag freien Eintritt. Sofern das Museum überhaupt offen hat

Ausstellungsprogramm: Von 18. Mai bis 15. August thematisiert man im KHM den Glauben an die „Höheren Mächte“. Sylvia Ferino-Pagden kuratiert die Ausstellung zu „Tizians Frauenbild“ (ab 5. Oktober). Im Sommer präsentiert das KHM in Peking „Treasures from the Habsburg Dynasty“; im Gegenzug sind ab 21. 10. im Weltmuseum „Schätze aus der Verbotenen Stadt“ zu sehen

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