Austria

Johannas Fest: Alle Menschen tragen Maulkorb

Viele Freunde, die in der Vergangenheit zu beschäftigt waren, um einfach nur zu plaudern, melden sich derzeit. In den Gesprächen geht es fast ausschließlich um Emotionen.

von Johanna Zugmann

Vergangenen Dienstag griff ich nach dem Aufwachen zum Handy. Es war 08.30 Uhr. Ich tippte auf den Kalender. „Heute keine Ereignisse“, meldete das Mobiltelefon. Ein Blick aus dem Fenster verschaffte keine Klarheit darüber, was die Großwetterlage über unserem Aufenthaltsort betraf. Die Hügel rechts waren grün, jene links des Ybbstals angezuckert. Direkt über unserem Dach zeigten sich dicke graue Wolken, gegen Osten zu war der Himmel makellos blau. Ich überlegte, ob ich schon aufstehen oder doch noch eine Runde schlafen sollte. Na ja, auch wenn es keine Business-Termine gibt, Hund Amy will auch heute zweimal Gassi und einmal richtig laufen gehen.

Im Schubladenschrank fand sich ein weißes T-Shirt mit der schwarzen Aufschrift „Today I choose Happyness“. Das hat mir meine liebe Freundin Gabi vergangenes Jahr ins Spital gebracht, in dem ich nach einer Operation ein paar Tage lag. Dort trug ich es einmal und dann nie wieder. Die Schenkerin ist eine ewige Frohnatur. „Man kann nur die Gefühle managen“, lautet das Credo der Geschäftsfrau.

Ich nahm mir vor, den Dienstag unter die auf dem T-Shirt aufgedruckte Devise zu stellen.

Die Macht der Gedanken

In vierpfötiger Begleitung erklomm ich einen steilen Berg. Während des Aufstiegs bei leichtem Schneefall überlegte ich mir, ob es derzeit etwas zu feiern gibt und ob man eigentlich ohne Gäste feiern kann. Während meine Begleiterin über die grünen Wiesen tollte, legte ich eine Positiva-Liste an: Wir sind gesund. Wir haben Freunde, auch wenn wir sie derzeit nicht treffen. Auto, Geschirrspüler und Waschmaschine funktionieren. Wir haben Arbeit und können die Miete, Strom und Gas zahlen. Wir leben in Österreich. Das ist derzeit jedenfalls viel besser als ein Wohnsitz in Italien, Spanien, Deutschland oder gar in New York.

Als ich die Anhöhe erreichte, kam die Sonne durch.

Ich begegnete dem freundlichen Milchbauern, der gerade die Weidezäune reparierte. Auf Vier-Meter- Distanz unterhielten wir uns eine Weile.

Noch seien von der Molkerei keine Signale bei ihm angekommen, dass er weniger produzieren solle, erzählte er mir. Und sollte das später eintreffen, müsse man es auch nehmen, wie es ist.

Im Management würde man seine Gelassenheit als Wu-Wei-Prinzip bezeichnen. Das stammt aus dem Taoismus und steht für die Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns.

Am Rückweg genoss ich die Landschaft, den Panorama-Blick auf die grünen Hügel des Mostviertels und den weißen Ötscher.

Daheim angekommen zelebrierte ich eine Telefonstunde. Viele Freunde, die in der Vergangenheit zu beschäftigt waren, um einfach nur zu plaudern, melden sich derzeit. In den Gesprächen geht es fast ausschließlich um Emotionen. Und sie dauern deutlich länger als jene, in denen Termine für Treffen vereinbart wurden.

Danach sichtete ich die zahlreichen Mails, SMS und WhatsApp-Meldungen zur Lage der Nation.

Mona hatte mir eine wegen der gerade beschlossenen Masken-Verordnung hochaktuelle Bildnachricht geschickt. Drei Hunde – eine Dogge, ein Beagle und ein Weimaraner – waren darauf mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen abgebildet. Darüber eine Sprechblase: „Was ist los? Alle Menschen tragen Maulkorb!“ Ich musste schmunzeln. – Nach kurzem Nachdenken erweiterte ich meine Positiva-Liste. Und dann feierte ich, dass wir auch nicht in Ungarn oder in der Türkei wohnen, wo der Maulkorb noch eine ganz andere Funktion als den Virenschutz erfüllt.

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