Die grünen Haare zählten seit den 1950er-Jahren zu einem ihrer Markenzeichen. Und dazu eine tiefe, verrauchte Stimme, mit der sie ihre Gedichte, begleitet von einer Jazz-Combo, ins Mikrofon röhrte. Neben ihren Texten war das wichtigste Requisit auf der Bühne ein Kaffeebecher, in dem sie ihr Bier "versteckte". So auch an jenem Abend im Wiener Jazz-Lokal Miles Smiles, als ich die damals 84-jährige ruth weiss kennenlernte. Später erzählte sie mir über unzähligen Zigaretten aus ihrem Leben. 1928 geboren, flüchtete sie mit ihren jüdischen Eltern als zehnjähriges Mädchen aus Wien, das, wie sie meinte, "nie ihr Herz verlassen hatte". Diesem Trauma ist unter anderem die konsequente Kleinschreibung ihres Namens als symbolische, gegen (jedwede) Ordnungsmacht gerichtete Geste geschuldet, zumal der Sprache ihrer Herkunft.