Austria

Infektiologe: „Es gibt keine Wirtschaft ohne Gesundheit“

Christoph Wenisch hat bis jetzt 150 Corona-Patieten behandelt. Er fordert, die Debatte über die Wirtschaftskrise zu beenden und warnt vor selbst ernannten Corona-Gurus.

von Ida Metzger

In Wien ist das Kaiser Franz Josef-Spital die erste Adresse für Patienten mit Covid-19-Erkrankung. Christoph Wenisch, Leiter der Infektionsabteilung, musste auch den ersten Corona-Toten beklagen – und es ist nicht bei einem Einzelfall geblieben. Trotzdem bedanken sich nicht selten Wiener mit großen Pizza-Lieferungen von rund 150 Stück für den unermüdlichen Einsatz.

In den kommenden Tagen startet ein Hoffnungsprojekt, um die Pandemie in den Griff zu bekommen: eine sogenannte Plattform-Studie, bei der gleich mehrere Medikamente gegen das Virus getestet werden. Wie die Studie funktioniert und wie die Situation an der Spitalsfront ist, erzählt Wenisch im KURIER-Interview.

KURIER: Herr Wenisch, von der Bundesregierung kommen unterschiedliche Signale – von „es ist ein Marathon“ bis zur Ankündigung, dass am Montag die ersten Lockerungen nach Ostern bekannt gegeben werden. Wie sehen Sie das?

Christoph Wenisch: Die Maßnahmen haben erfolgreich dazu beigetragen, die Anzahl der gleichzeitig Erkrankten zu reduzieren. Ich weiß nicht, ob Sebastian Kurz Marathonläufer ist. Ich bin es, und ich bin auch Triathlet. Das heißt, ich weiß, was es bedeutet, in mehreren Bereichen über mehrere Stunden Leistung zu liefern. Die brennende Frage ist jetzt: Wie lange sind solche Maßnahmen notwendig? Da muss man viele Szenarien bearbeiten und auch allen klar mitteilen. Im Moment sind die Zahlen noch im Steigen.

Seit zwei Wochen behandeln wir auf der Infektionsabteilung nur noch Corona-Patienten. Täglich kommen sechs bis acht Patienten allein auf dieser Abteilung dazu. Aber diese Kapazität reicht natürlich nicht. Im gesamten Krankenhaus nimmt die Anzahl zu. Diese Woche wurde sogar eine vierte Station eröffnet, um Corona-Patienten zu behandeln. Also, wir sind noch nicht über den Berg. Und ich denke, das wird auch noch länger dauern.

Eine große Sorge ist, dass die Spitalsbetten nicht reichen könnten …

Da sind wir in Wien in einer sehr guten Situation. Wir haben noch sehr viele Spitalsbetten – egal, ob man ein einfaches Krankenbett braucht oder ein Intensivbett. In der Stadt gibt es die drei- bis vierfache Menge an Betten im Vergleich zu anderen Ländern. Das hilft uns auch, mit einer höheren Fallzahl von Patienten umzugehen. Ich tausche mich auch mit Kollegen in Tirol aus. Die Bezirke sind dort weiter auseinander gelegen. Da kann es schon passieren, dass eine Knappheit auftritt. Auch hier ist angesagt, dass man sich gegenseitig aushilft und die Patienten gut verteilt, damit es nicht zu Überlastungen kommt.

In Italien ist Schutzkleidung für das medizinische Personal Mangelware. Auch in Österreich soll zu wenig Ausrüstung für das Spitalpersonal vorhanden sein …

Wir haben momentan alles und keinen Mangel. Es ist nur angezeigt, sorgsam mit dem Schutzmaterial umzugehen. Derzeit werden die Schutzmasken nicht weggeworfen, sondern wieder aufbereitet.

Anfangs hieß es, die Mund-Nasenmasken hätten keinen Effekt. Nun wurde die Maskenpflicht eingesetzt. Was stimmt jetzt?

Das ist ein spannendes Thema. Es gibt alte Publikationen, die sich mit Influenza beschäftigt haben. Hier hat man herausgefunden, dass man durch das Tragen von Masken kaum andere vor Influenzaviren schützen kann. Jetzt gibt es aber neue Evidenzen mit dem Coronavirus. Hier kommt unterm Strich ein eindeutiges Signal heraus: Man kann sich selbst schützen, aber auch andere.

Was ist der Grund dafür?

Das hängt von den Viren und der Tröpfchenaffinität der Viren ab. Für Coronaviren ist das Tragen von Masken empfehlenswert. Sie müssen aber richtig eingesetzt werden.

Sie hatten an Ihrer Abteilung den ersten Corona-Toten in Österreich. Aus Italien wird berichtet, dass sich die Menschen von ihren Angehörigen nicht verabschieden können. Ist das an Ihrer Abteilung auch so passiert?

Natürlich ist das so. Und wir hatten einige Todesfälle. Es gibt ja auch in Österreich das Besuchsverbot im Krankenhaus. Das ist ein großes emotionales Thema für alle. Aber es ist ein Gesetz, so wie wir bei Rot nicht über die Ampel fahren dürfen. Wir helfen uns mit Handytelefonaten und Skype – aber diese Situation ist sehr belastend.

Möglicherweise befällt das Virus die Wirtschaft heftiger als die Gesundheit. Ist diese Diskussion für Sie unethisch?

Diese Debatte muss sofort beendet werden. Man kann nicht zwei Bereiche gegeneinander ausspielen. Es gibt keine Gesundheit ohne Wirtschaft. Und keine Wirtschaft ohne Gesundheit. Das sind zwei Bereiche, die von einander abhängig sind. Ich kann kein Krankenhaus finanzieren, wenn ich keine gesunde Wirtschaft habe. Und ich kann keine Wirtschaftsleistung erbringen, wenn ich keine gesunde Bevölkerung habe. Diese momentanen Zuspitzungen haben für mich keine rationale Begründung. Wir müssen gemeinsam durch die Krise.

Am Montag werden die Studien mit dem Medikament, das der Österreicher Josef Penninger entwickelt hat, gestartet. Wird Ihre Abteilung auch teilnehmen?

Wir sind die einzigen weltweit, die dieses Medikament schon im Einsatz hatten. Es ist so: In der Vergangenheit hat man in individuellen Heilversuchen versucht, mit verschiedenen Medikamenten eine Therapie zu identifizieren. Das ist bis jetzt misslungen. Basierend auf diesem Datensatz haben wir uns entschlossen, das zu machen, was die WHO vor zwei Wochen empfohlen hat – nämlich eine Plattformstudie. Neben Lyon sind wir weltweit die einzigen, die das nun angehen.

Was bedeutet Plattformstudie?

An dieser Studie nehmen die Universitätsklinik in Innsbruck und alle Großkrankenhäuser in Wien teil. Man muss ein Studiendesign wählen, wo es verschiedene Studienarme mit verschiedenen Arzneimittel gibt – darunter auch beispielsweise die Blutspende von Gesunden, die Corona-Antikörper enthalten oder das von Ihnen genannte Medikament (Josef Penningers Medikament ist hier gemeint; Anm.). Aus meiner Sicht gibt es andere Medikamente, die relevanter sind. In drei bis vier Monaten werden wir dann mit genügend Evidenz sagen können, was wirkt und was nicht.

Was bis jetzt von diversen Gurus publiziert wurde, sind Fallserien von 20 bis 30 Patienten, auf deren Basis dann Aussagen getroffen wurden, die sich bei näherer Betrachtung als unwahr oder irreführend dargestellt haben. Wundermittel, wie sie von einigen Kollegen in den Bundesländer angekündigt wurden, sieht man nicht.

Wir haben an 140 Patienten alles Mögliche ausprobiert, aber es gab bei keinem Patienten ein klares Signal, das uns veranlasst hätte, über den Versuch hinauszugehen, um eine systematische Analyse zu machen. Deswegen müssen wir die verschiedenen experimentellen Therapien mit Chloroquin, Remdesivir, Lopinavir auf den Prüfstand der Wissenschaft stellen.

Das heißt, momentan betreiben viele Forscher nur Eigenmarketing?

Was jetzt passiert, ist, dass von verschiedenen Unternehmen gesponserte Projekte schnell publiziert wurden. Sie werden sehen: Nächste Woche wird ein weiteres Mittel als neues Wundermittel publiziert werden. Wir haben dieses Mittel auch an drei Patienten ausprobiert. Man muss hier sehr vorsichtig hinsichtlich der Hoffnung sein, dass das jetzt der Durchbruch war. Es geht ja bei den Medikamenten auch um die Verfügbarkeit. Das rhACE2 (Entwicklung von Penninger; Anm.) hat ein Verfügbarkeitsproblem, weil es komplex herzustellen ist.

Momentan haben wir eine Million Corona-Erkrankte weltweit. Da muss ich mir auch überlegen, wie kann ich das Medikament allen anbieten. Da liegen noch sehr schwierige Fragen vor uns. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir in ein paar Monaten ein Medikament haben, das wir mit gutem Gewissen einsetzen können.

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