Austria

Handke in Stockholm: Ich will keine Ihrer Fragen beantworten.

Der Literaturnobelpreisträger stellte sich an seinem 77. Geburtstag der Presse. Über seine umstrittene Haltung zu Serbien und Jugoslawien wollte er nichts Neues sagen.

Kurz nach 13 Uhr gab der österreichische Schriftsteller Peter Handke, dem am kommenden Dienstag den Nobelpreis für Literatur überreicht wird, in Stockholm der Presse. Begrüßt wurde er mit einem kleinen Ständchen, denn er feiert heute seinen 77. Geburtstag. „Happy Birthday, Dear Handke“. Zu Beginn sprach er über einen Besuch Ende der Sechziger in Schweden, bevor die Journalisten ihre Fragen stellen durften.

Wie wird der Nobelpreis Ihr Schreiben möglicherweise verändern, wollte eine Mitarbeiterin der „New York Times“ wissen? „Gar nicht“, sagt Handke. Schon bei der zweiten Frage ging es um die Debatte über seine Haltung zu Serbien und Jugoslawien, die seit der Nobelpreisbekanntgabe aufgeflammt war. Sie begleitet den Schriftsteller seit der Veröffentlichung des Reiseberichts "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" 1996 und seiner Teilnahme am Begräbnis des serbischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic 2006.

„Das ist eine sehr lange Geschichte“

Was er über die Debatte sagen wolle? „Das ist eine sehr lange Geschichte“, antwortete Handke auf Englisch. Er wolle diese Geschichte hier nicht mehr erzählen.

In der dritten Frage ging es um sein neues Projekt? Das sei ein Geheimnis, er wolle erst morgen bei der Nobelpreisrede darüber sprechen. Es gehe darin um einen Mann im Norden Israels vor 200 Jahren, der vor seinen Dämonen befreit werde und das bereue.

In Stockholm sind auch Proteste gegen ihn und die Akademie angesetzt. Wie werde er damit umgehen? „Sagen Sie mir das. Geben Sie mir einen Ratschlag“, antwortete Handke, zunehmend launiger werden. Er sei vor vier oder fünf Jahren zum Ibsen-Preis nach Oslo gereist, auch dort habe es Proteste gegeben, er sei „Faschist“ genannt worden. Er sei stehen geblieben und habe versucht, mit den Menschen zu reden, aber sie hätten nicht mit ihm reden wollen. „Es war kein Dialog möglich“, sagte Handke.

„Ich hatte nie eine Meinung"

Haben Sie immer noch dieselbe Meinung zu Serbien und Jugoslawien wie vor 25 Jahren? „Ich hatte nie eine Meinung, ich hasse Meinungen“, sagte er. „Ich mag Literatur. Nicht Meinung.“ Er habe eine Idee einer Aussöhnung gehabt, erzählte er. Aber ein Freund von ihm habe gesagt, das sei im Moment nicht möglich. Er wollte zwei Mütter treffen, die ihre Kinder im Krieg verloren hätten – eine auf bosnischer Seite, eine auf muslimischer Seite.

Dann kamen die Fragen des US-Journalisten Peter Maass von „The Intercept“. Dieser hatte aufgedeckt, dass Handke einen jugoslawischen Reisepass besaß. Außerdem berichtet er, dass Handke 1998 in dem Hotel Hotel Vilina Vlas abgestiegen sei, in dem 1992 Musliminnen vergewaltigt und schwer misshandelt wurde. Warum haben Sie in ihren Büchern nicht über den Fakt geschrieben, dass es einen Genozid gab und Massaker, fragte Maass. „Sie haben sicher viele Fragen“, sagt Handke. „Stellen Sie alle.“

„Ich will keine Ihrer Fragen beantworten“

Auf die Frage selbst ging der Schriftsteller nicht ein. „Ich habe in den vergangenen acht oder neun Wochen viele wunderschöne Briefe bekommen“, erzählte er stattdessen. Einen der Briefe, in dem er ebenfalls zur der Debatte befragt wurde, las er vor. Einen anonymen Brief habe er bekommen, in dem sich beschmutztes Toilettenpapier befunden habe, erzählte Handke. Selbst diesen Brief würde er den „leeren“ Fragen von Maass vorziehen. „Ich will keine Ihrer Fragen beantworten.“ Damit endete die Pressekonferenz. (her)

Pressekonferenz, Rede, Verleihung

Heute begannen die offiziellen Verpflichtungen für die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2018, die Polin Olga Tokarczuk, und den Preisträger des Jahres 2019, den Österreicher Peter Handke, in Stockholm. Um 13 Uhr fand  in der Schwedischen Akademie eine internationale Pressekonferenz statt.

Am Samstag halten beide Preisträger ihre Nobelvorlesungen. Die Verleihung der Nobelpreise wird dann am Dienstag, 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, vom schwedischen König vorgenommen.