Austria

Großer Beitrag, um Tabus zu brechen

„Bei einem Burnout würde ich nicht hier stehen. Da hat man die Kraft nicht mehr dazu", sagte Rudolf Anschober am Dienstag, als er seinen Rücktritt verkündete. Er sei überarbeitet - und wolle sich nicht kaputtmachen. Der offene Umgang des Politikers mit seiner Gesundheit sei „extrem beeindruckend“, so die Psychologin. Und genau die Herangehensweise, die „wir jetzt brauchen“.

Denn wer einmal ein Burnout hatte, stehe ständig unter Generalverdacht. „Deshalb werden psychische Erkrankungen meist versteckt, als wären sie eine Schwäche, beinahe ein Verbrechen. Aber das stimmt ja nicht. Es kann jeden von uns treffen“, betont Juen. Umso wichtiger sei die Differenzierung und Aufrichtigkeit Anschobers, sagt sie. „Wenn nach einem schweren Einsatz der erfahrenste Mitarbeiter in der Nachbesprechung sagt, dass ihm die Situation auch nahegegangen sei, dann hat das einen unglaublichen Effekt auf das Team“, weiß Juen aus der Krisenintervention.

Offener Umgang hilft, Tabus zu brechen
Dasselbe gilt für die Bevölkerung, wenn der Minister nicht 100 Prozent Leistung auf Kosten der eigenen Gesundheit erzwinge. Und je offener der Umgang mit den eigenen Grenzen werde, desto eher würden sich Betroffene auch die Pausen nehmen, die sie brauchen.

Denn der Druck, der in der Gesellschaft herrscht, sei auch ohne Pandemie enorm. „Ziele, die als normal und allgemein geltend hingestellt werden, sind kaum noch zu erreichen“, so Juen. Doch wer mit 30 Jahren keine Eigentumswohnung, Familie und Karriere hat, fühle sich als Versager. Dabei sei vieles davon heute schlicht nicht mehr möglich.

Dennoch werde es einem vorgegaukelt. Durch vermeintliche Erfolge in den (sozialen) Medien. „Es ist an der Zeit, weniger zu bluffen und so zu tun, als ob man alles geschafft hat. Vielmehr sollte man über die Unerreichbarkeit gewisser Ziele sprechen“, so die Psychologin. Denn vor allem Menschen zwischen 20 und 30 Jahren würden zunehmend unter dem Druck leiden, der schon in der Kindheit beginne, erklärt die Psychologin.

Die Krise bietet Boden, Werte zu hinterfragen
Die Krise aber sei eine gute Gelegenheit, Dinge infrage zu stellen. Was ist wirklich wichtig? „Sind es wirklich materielle Dinge im Vergleich zu zwischenmenschlichen Beziehungen?“, fragt Juen. Gerade jetzt werde vielen Menschen bewusst, was es bedeutet, wenn Kontakte, aber auch Kultur wegfalle. „Vielleicht sollte man die Wertigkeiten neu ordnen“, gibt sie zu bedenken.

Und näher zusammenrücken. Denn durch ungerechte Verteilung der Belastung in der Pandemie verstärke sich die fortschreitende Polarisierung in der Bevölkerung. „Jeder von uns hat die Möglichkeit, in seinem Bereich etwas zu verändern und Einfluss zu nehmen.“

Zahlen zur Psyche

Die Psyche der Österreicher leidet unter der Pandemie. Ein Team um Christoph Pieh vom Department für Psychotherapie der Donau-Universität Krems hat Studienergebnisse aus Zeiten vor Corona mit regelmäßig von ihnen selbst durchgeführten Online-Befragungen während der Pandemie gegenübergestellt. Es zeigte sich: Die Häufigkeit von depressiven Erscheinungen hat sich von rund fünf auf etwa 25 Prozent verfünffacht. Die Rate der Personen mit Angstzuständen stieg von fünf Prozent vor Covid-19 auf etwa 23 Prozent um den Jahreswechsel. Die Häufigkeit von Schlafstörungen stieg von etwa sieben auf 15 Prozent im April 2020 - mit einem kleinen Anstieg zum Jahreswechsel.

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