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Gewalt und Gegengewalt bei Protesten in den USA

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz hat zu Ausschreitungen geführt. In zwei Dutzend Städten wurden Ausgangssperren verhängt.

I can't breathe", skandieren Demonstranten in dutzenden amerikanischen Städten derzeit, "Ich bekomme keine Luft." Das waren die Worte von George Floyd, einem unbewaffneten Mann, den am Montag in Minneapolis ein weißer Polizist minutenlang mit dem Knie auf dem Hals zu Boden gedrückt hatte. Der 46-Jährige starb wenig später im Krankenhaus. Seither weiten sich in den USA die Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt aus. Doch immer wieder kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

US-Präsident Donald Trump behauptet, die Gewalt werde "von anarchistischen und linksextremistischen Gruppen geplant, organisiert und angetrieben“. Gouverneur von Minnesota, in dem Minneapolis liegt, Tim Walz, erklärte im Gegensatz dazu unter Hinweis auf Ermittlungen, die Situation werde von rivalisierenden Drogengangs, weißen Rassisten und Anarchisten angeheizt.

In sozialen Medien werden allerdings auch Videos verbreitet, die kein gutes Licht auf die Polizei werfen: Im Stadtteil Brooklyn in New York City fuhr ein Polizeieinsatzwagen in eine Gruppe von Demonstranten. Das ist auf einem Video eines Augenzeugen zu sehen.

"Sie hätten sie umbringen können, und wir wissen nicht, wie viele sie verletzt haben", schrieb die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez auf Twitter. In New York zogen Demonstranten zudem vor den Trump Tower - das Domizil Trumps, bevor er Staatschef wurde.

Polizist zielte auf Reuters-Mitarbeiter

Zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters wurden am Samstagabend in Minneapolis durch Gummigeschoße der Polizei verletzt. Der Vorfall ereignete sich, als die Polizei kurz nach Inkrafttreten der Ausgangssperre um 20.00 Uhr gegen rund 500 Demonstranten mit Gummigeschoßen und Tränengas vorrückte. Aufnahmen eines Reuters-Kameramannes zeigen, wie ein Polizist direkt auf ihn zielt. Die Reuters-Mitarbeiter waren klar als Pressevertreter zu erkennen.

Nun soll es auch einen ersten Todesfall geben, berichtet der Fernsehsender NBC News. Demnach sei in der Stadt Indianapolis mindestens ein Mensch getötet worden. Der Fernsehsender stützte sich dabei am Sonntag auf Angaben der Polizei. Dem Vize-Polizeichef der Stadt, Josh Barker, zufolge gab es mindestens zwei Verletzte. Auf Twitter schrieb die Polizei, ihre Beamten seien nicht involviert gewesen und hätten nicht geschossen. Man untersuche nun zahlreiche Vorfälle.

"Das ist ein Land im Chaos"

In der Hauptstadt Washington demonstrierten Hunderte Menschen in der Nähe des Justizministeriums. Viele zogen später vor das Weiße Haus. Den Amtssitz von US-Präsident Donald Trump riegelten zahlreiche Polizisten ab - ausgerüstet mit Schutzschilden und zum Teil auf Pferden. Trump sagte am Samstag, wenn die Demonstranten, die sich in der Nacht zuvor auf dem Lafayette Square gegenüber dem Weißen Haus versammelt hatten, den Zaun zum Amtssitz überwunden hätten, "wären sie von den bösartigsten Hunden und den bedrohlichsten Waffen begrüßt worden, die ich je gesehen habe".

Ein schwarzer Demonstrant trug in der Hauptstadt ein Schild mit der Aufschrift: "Bin ich der Nächste?" Auf Fernsehbildern aus Washington war zu sehen, wie ein Gebäude im Stadtzentrum brannte. "Das ist ein Land im Chaos", sagte ein CNN-Moderator.

Ausgangssperren in immer mehr Städten

Immer mehr Städte in den USA haben angesichts der mittlerweile nahezu landesweiten Proteste Ausgangssperren verhängt. Für Minnesota verkündete Walz die Mobilisierung der gesamten 13.000 Mitglieder starken Nationalgarde seines Staates, um gegen Randalierer vorzugehen. Auch Einheiten der Militärpolizei wurden in Alarmbereitschaft versetzt, um gegebenenfalls in Minneapolis eingreifen zu können. Alle großen Einfallsstraßen nach Minneapolis waren am Samstagabend geschlossen, Militärhubschrauber flogen über der Stadt.

People loot property during nationwide unrest following the death in Minneapolis police custody of George Floyd, in Los Angeles
Plünderungen in Los Angeles (c) REUTERS (KYLE GRILLOT)

In Los Angeles kam es im Stadtteil Fairfax zu Auseinandersetzungen, als Demonstranten versuchten in das örtliche Studio des Fernsehsenders CBS vorzudringen. Sicherheitskräfte hätten die Menge zurückgedrängt, berichtete die "Los Angeles Times". Ebenfalls in Fairfax kam es Medienberichten zufolge zu Plünderungen.

Auch in Los Angeles wurde die Nationalgarde angefordert. Bürgermeister Eric Garcetti sagte im US-Sender Fox News: "Das ist nicht länger ein Protest, das ist Zerstörung." In der zweitgrößten Stadt der USA galt zudem ebenfalls eine Ausgangssperre. Aus Chicago meldeten Medien, das Polizeipräsidium habe für die Beamten Zwölf-Stunden-Schichten angeordnet, um die Proteste unter Kontrolle zu bekommen. Die Bürgermeisterin von San Francisco, London Breed, verkündete am Samstagabend eine Ausgangssperre von Sonntagabend bis Montag 5.00 Uhr Ortszeit (15.00 Uhr MESZ).

Frust wegen Coronavirus und wirtschaftlicher Krise

Die sich rasch ausbreitenden Proteste gegen Rassismus fallen zusammen mit einem tiefen Frust wegen der Beschränkungen im Kampf gegen das Coronavirus und der wirtschaftlichen Krise infolge der Pandemie. In einem surrealen Moment waren in Miami zur selben Zeit die Sirenen der Polizeiautos, die mit Blaulicht zum Einsatz gegen Demonstranten rasten, und das Feuerwerk zu Ehren der Pflegekräfte zu hören, die unermüdlich im Einsatz gegen das Coronavirus sind. Hunderte Polizisten schwärmten aus und drohten, jeden festzunehmen, der es wagte, auf die Straße zu gehen. Das galt auch für Journalisten.

Der designierte Herausforderer Trumps der Demokraten bei der Präsidentschaftswahl im November, Ex-Vizepräsident Joe Biden, erklärte, die vergangenen Tage hätten gezeigt, dass die Nation "wütend" sei über Ungerechtigkeit. Es sei eine typisch amerikanische Reaktion, gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Sinnlose Zerstörung und Gewalt sei aber keine akzeptable Reaktion.

(APA/dpa/AFP/Reuters)

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