Austria

Fussl: "Vom gesunden Unternehmen zum Bittsteller bei der Regierung"

"Wenn ich mit meiner Frau durch die Geschäfte gehe und überall die Ware hängen sehe, dann tut mir das Herz weh", sagt Karl Mayr, Geschäftsführer der Modekette Fussl mit Stammsitz in Ort/Innkreis. Bis Mitte März sei das Geschäft sehr gut gelaufen, in den Filialen habe man "super Umsätze" verzeichnet. Nun liegt der Ausfall bei 100 Prozent - und das noch dazu in den Monaten März und April, der umsatzstärksten Zeit im ersten Halbjahr. 

Fussl betreibt in Österreich und Bayern 180 Filialen, 1200 Mitarbeiter waren zuletzt beschäftigt. Der Umsatz lag im Vorjahr bei 170 Millionen Euro. Rund 95 Prozent der Mitarbeiter wurden zur Kurzarbeit angemeldet, nachdem die Geschäfte am 16. März für unbestimmte Zeit schließen musste. Gleichzeitig seien die Lager voll, sagt Mayr: "Wir haben die aktuelle Frühlings- und Sommerkollektion im vergangenen August in Auftrag gegeben. Diese ist zu 80 Prozent geliefert und zu 100 Prozent bezahlt." Einnahmen hat Fussl derzeit überhaupt keine: Über die Etablierung eines eigenen Online-Shops ist zwar immer wieder nachgedacht worden. Letztlich hat sich das Unternehmen aber dagegen entschieden: Stattdessen wurde die Expansion in Bayern forciert. Mayr bereut dies nicht: "Erstens verdient keiner der stationären Händler mit dem Online-Vertrieb." Zweitens funktioniere in Krisenzeiten auch die Abwicklung des Online-Geschäfts nicht reibungslos, weil es schwierig sei, in den Lagern die notwendigen Abstände zu gewährleisten. "Drittens ist Mode im Moment einfach nicht gefragt: Die Leute sind daheim, das Bedürfnis danach ist im Moment einfach nicht da." Das zeige auch das Beispiel des Onlineriesen Zalando, dem die Pandemie enorm zusetzt. Im ersten Quartal werde ein bereinigter Betriebsverlust von rund 28 Millionen Euro anfallen, wie das börsenotierte deutsche Unternehmen am Montag Abend bekannt gab. Die Jahresprognose wurde gekippt. 

Kommt es zu Rabattschlachten?

Wann die Geschäfte in Österreich wieder ihren Betrieb aufnehmen dürfen, ist derzeit noch völlig offen: Mayr rechnet mit "Ende April, Anfang Mai". Dann hänge auch viel von der Witterung und vom Verhalten der Konkurrenz ab, wie viel von den Frühlings- und Sommersachen noch regulär verkauft werden könnten: "Bananen sind nach drei Tagen alt, Mode nach drei Monaten." Bei 30 Grad brauche niemand eine Frühlingsjacke. "Ich hoffe auch auf eine gewisse Solidarität unter den Händlern, damit die Rabattschlachten nicht schon im Juni beginnen." Hier werde es aber wohl zu "unschönen" Szenen kommen, weil alle Händler ihre Lager leeren müssten: Im August kämen die Herbst- und Winterkollektionen in die Geschäfte. Was nicht in den Filialen verkauft werden könne, werde erst an die Outlets abgegeben. Die Ware, die dann noch übrig sei, komme karitativen Zwecken zugute. 

Um den Betrieben zu helfen, brauche es so schnell wie möglich Regeln und Kriterien, damit die Banken die Hilfskredite für die Unternehmen freigeben könnten. Von deren Ausgestaltung werde auch abhängen, wie viele der Unternehmen die Krise überstehen. Mayr rechnet hier auch mit einer Bereinigung des Marktes. Mittelfristig brauche es ein einfaches und transparentes System, wie der Schaden, der bei den Händlern durch die vorordnete Schließung entsteht, vergütet werden soll: Ein Ersatz von 60 bis 70 Prozent des Wareneinsatzes sei hier wahrscheinlich. Über die Zukunft von Fussl macht Mayr sich keine Sorgen: Sobald wieder geöffnet werden dürfe, würden die Geschäfte gut laufen. Die Kunden seien glücklich darüber, wieder hinausgehen zu dürfen. Aktuell werde außerdem nicht viel Geld ausgegeben. Das Fazit ist dennoch bitter: "Aber binnen einer Zeit sind wir vom gesunden, kraftstrotzenden Unternehmen zum Bittsteller bei der Regierung geworden."

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