Austria

Fünf vor Neun: Oster-Wende, Digital-Kirche und Ärzte in Opposition

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser!

Die Oster-Wende. Nun also doch. Überraschend flott wechselt die Regierung im Ringen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus Tonfall und Gangart. Nach Ostern sollen die die ersten Geschäfte aufsperren dürfen, unter den in den letzten Tagen vielfach angedeuteten Prämissen. Wir müssen Abstand halten, Masken tragen, die Geschäfte müssen die Frequenz bremsen. 

Abgeflachte Corona-Rate. Das Ganze hat sich im Laufe der letzten 24 Stunden aufgebaut. Wir dürfen als Zaungäste der ersten Reihe vermuten: Erste Rohdaten über eine repräsentative Erhebung der Infizierungsrate (in einer 2000-Personen-Stichprobe) machten Mut, dazu greifen die Maßnahmen der sozialen Distanzierung. 

Angst vor dem Strömungsabriss. Doch das allein wird es wohl nicht gewesen sein. Vielmehr ist es die Einsicht, dass die Untergangsstimmung in Teilen der Wirtschaft nicht länger auszusitzen wäre. "Was nutzt es uns, wenn wir aktuell allein die Gesundheit der Leute im Auge haben und uns hinterher das Gesundheitswesen nicht mehr leisten können, weil alles zusammen bricht", sagt ein Ärztevertreter. Eine Reihe von Fachleuten warnte vor dem totalen Strömungsabriss der Wirtschaft, wenn das Geld der Österreicher nicht in den Kreislauf und zuerst in den Handel zurück gepumpt wird. 

Mediziner-Opposition. Selbst in der Ärzteschaft baute sich massive Opposition auf. Die OÖN bringen heute einen ausführlichen Kommentar des ehemaligen Leiters der Linzer Kinderklinik, Klaus Schmitt, der die bisherigen Maßnahmen für überzogen hält. Ein zweiter Oberösterreicher, der Mikrobiologe Martin Haditsch, machte diese Woche im Netz mit einem Video Furore, in dem er ähnlich argumentierte. Es gehörten die gefährdeten Personengruppen isoliert, aber die produktiven Leute müssen ihrer Arbeit nach gehen können. Schmitt sieht es ähnlich. 

Kurz als Rückzugsoffizier. So wird es denn sein. Kanzler Sebastian Kurz wird in einer Reihe von Interviews den Schwenk vom Hardliner zum Corona-Kompromiss erklären und dabei auf den Effekt der bisherigen Maßnahmen verweisen. Kurz hat, ganz in guter Offiziersmanier, einen solchen Rückzug aus seiner bisherigen Position immer mitbedacht. Er wird ihn mit zusätzlichen Maßnahmen begründen, das umstrittene Smartphone-Tracking wird kommen, die Truppe um Kurz, Jünger der digitalen Möglichkeiten, sind fasziniert davon. 

Kurz' Kritiker können ihm vorwerfen, dass er seinen Kurs korrigieren muss. Ihre Losung war immer: Corona darf nicht dazu führen, dass der Kampf gegen Corona mehr Schaden anrichtet, als Corona selbst. Und beide Gruppen haben recht, jede auf ihre Weise. 

Schlaflos wegen des Tourismus. Der Handel wird öffnen dürfen, schlaflose Nächte hingegen bereitet der Tourismus. 15 Prozent des Volkseinkommens entspringen dem Fremdenverkehr, die Frühjahrssaison kann nicht nachgeholt werden. Auch der Sommer wackelt. Es gibt noch keine Lösung, während der Handel hofft, einen Teil des Verlustes nachholen zu können. Man sieht, wir sind schon wieder in der alten Wachstumsrhetorik. 

Österreicher in den USA. "Ihr macht es sehr gut." Schauen wir in die USA, sieht die Sache weitaus dramatischer aus. Oberösterreichs Landeshauptmann hat gestern mit Wissenschaftern in den USA telefoniert, der Oberösterreicher Peter Palese forscht am Mount Sinai Hospital über Viren und schilderte dabei die Dramatik in New York in düsteren Farben. Österreich gratulierte er. "Ihr macht das sehr gut." Den Unterschied im Kampf gegen Corona macht offenbar die Qualität der Spitalssysteme. Italien hat seine Spitäler ausgehungert und zahlt dafür die Rechnung. Die hochgerüsteten USA liegen nicht viel besser. Wieder gilt. Ein Segen, in Österreich leben zu dürfen. 

Kirche und OÖN übertragen digital. Für die heimische Kirche kommt dieses politische Abbiegemanöver zu spät. Vor ihr liegen mit Palmweihe, Karwoche, Osterfest mit Auferstehung die Höhepunkte des Kirchenjahres, die Kirchen werden leer bleiben, nur digital werden Messen mit Bischof Scheuer zu sehen sein. Die OÖN haben mit der Diözese eine Kooperation vereinbart und werden auf nachrichten.at übertragen. Schalten Sie ein. 

Gläubige im Kirchen-Off. Die Kirche trifft es dabei doppelt. Ihre Zentren bleiben leer, Kirchen, Pfarrsäle, der Linzer Dom. Die demografische Struktur der Gläubigen - eine Bevölkerungspyramide, die auf dem Kopf steht  und sich oben stark verbreitet, weil die Älteren die klare Mehrheit stellen - führt dazu, dass ein Teil der Leute auch über die modernen Kommunikationswege schwer oder gar nicht erreicht werden kann. Viele bleiben im Off. Die Verbindung zu ihnen ist durch Corona abgerissen. 

90 Prozent in der Gefährdeten-Liga. Schließlich kommt ganz Profanes als Erklärung hinzu. Ein großer Teil des aktiven Bodenpersonals der Kirche zählt aufgrund seines hohen Alters zu den vom Virus massiv gefährdeten Personen. Auch in der Zeit der Lockerung werden viele Priester in der selbstgewählten Isolation bleiben müssen. 

"Das hat es seit 1945 nicht gegeben." Diesen Satz werden wir noch öfter hören. Die Älteren, die dieses Jahr noch erlebten, sprechen von einem Deja Vu - mit der sprunghaft gestiegenen Arbeitslosigkeit, die erschreckendes Ausmaß angenommen hat. Verbunden mit dem Anstieg der Schulden, mit der Belastung der Spitäler und eben mit den Auswirkungen auf den religiösen Alltag. Das Wort vom Wiederaufbau des Landes macht die Runde. Auch Thomas Stelzer spricht davon. Es ist nicht zu weit hergeholt. 

Jung gegen Alt? Die Systemfrage. Nicht auszuschließen, dass sich am Ende dieses Prozesses die Systemfrage stellen wird, schreibt der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer in einem Beitrag für die FAZ. "Freiheit und Solidarität gegen Gesundheit und Überleben der Wirtschaft? Jung gegen Alt in einem Generationskonflikt? Autoritärer Staat gegen freiheitliche Demokratie? 

Das Außergewöhnliche als Normalzustand. Genauso denkbar ist es jedoch, dass aus all dem neue Solidarität erwächst und unser Leben eine andere Ausrichtung erhält. Wollen wir Letzteres hoffen, mit den Worten der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. "Ist es nicht so, das wir jetzt in der Isolation zum normalen Lebensrhythmus zurückgekehrt sind? War die hektische Welt vor dem Virus nicht abnormal?"

Ich unterschreibe das gerne. Ein wunderschönes Wochenende, verhalten Sie sich bitte diszipliniert.  Und bleiben Sie bitte als heutige Premierengäste diesem Newsletter aus der Chefredaktion der OÖN erhalten. Wir geben weiter unser Bestes.

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