Es war im Herbst 2019, der Brexit stand an und das Schicksal Europas auf der Kippe. Da konnte Valéry Giscard d'Estaing nicht länger schweigen. Mit 93 Jahren empfing er erstmals seit Jahren wieder europäische Journalisten. Seine Botschaft: Die EU solle den Briten einen einjährigen Brexit-Aufschub einräumen, um das Schlimmste zu verhüten. Nach Verlassen seines Büros am Boulevard Saint-Germain waren sich alle Besucher einig: Dieser Mann mit dem gebeugtem Gang und vifen Blick war ein Staatsmann und Visionär, blieb aber in seiner persönlichen Bescheidenheit sehr sympathisch. Statt seine Standpunkte aufzudrängen, erkundigte er sich lieber und mit ehrlichem Interesse, was sich in den europäischen Ländern, aus denen die einzelnen Journalisten stammten, gerade tat.