Austria

Flüchtlingslager: Schwangere zündete sich an - Anklage wegen Brandstiftung

NGOs sehen in dem Fall im berüchtigten griechischen Lager Kara Tepe "Behörden-Zynismus". Sie sprechen von "systematischen Methoden" zur Abschreckung der Flüchtlinge.

von Evelyn Peternel

Man müsse ja ein „Zeichen setzen“, heißt es von der griechischen Polizei: Weil sich eine Afghanin, 27 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und im achten Monat schwanger, im Flüchtlingslager Kara Tepe selbst angezündet und massiv verletzt hat, soll sie nun vor den Richter – sie muss sich wegen Brandstiftung verantworten. Die Begründung? „Das hätte ein schlimmes Feuer auslösen können“, so ein Polizeisprecher.

Für Kenner der Lage ist das allerdings eher „extremer Zynismus“ als ein nachvollziehbarer Schritt, wie Marcus Bachmann von „Ärzte ohne Grenzen“ sagt: „In jüngerer Vergangenheit werden solche Methoden systematisch angewandt“ – etwa im Falle eines Afghanen, dessen sechsjähriger Sohn bei der Fahrt über die Ägäis ums Leben kam. Er muss sich wegen Gefährdung verantworten. Auch andere NGOs wie „Amnesty International“ vermuten dahinter eine Taktik der Athener Regierung, um Flüchtlinge abzuschrecken.

Freilich: Eigentlich wären die Zustände im Lager abschreckend genug. 6.500 Menschen leben derzeit in Kara Tepe auf Lesbos, einem Provisorium, das nach dem Brand in Moria, dem nicht minder berüchtigten Vorgänger, errichtet wurde. 2.500 davon sind Kinder unter 12, das Gros Familien – sie alle sitzen seit März 2019 wegen Corona in ihren undichten, nicht beheizbaren Zelten fest.

„Nur einmal pro Woche darf eine Person pro Familie das Lager verlassen“, sagt Bachmann – und das, obwohl die Lebensmittlerversorgung vor Ort höchst dürftig ist („immer wieder wird Verdorbenes ausgeteilt“) und man im Lager weder Hygieneartikel bekommt noch Wäsche waschen kann. Auch Kochen ist nur am offenen Feuer möglich – das führe zu Bränden, deren Opfern meist Kinder und Frauen seien.

Untaugliche Hilfen

Dass diese „krankmachenden Bedingungen“ zu Reaktionen wie bei der schwangeren Afghanin führen, erlebe man im Spital, wo „Ärzte ohne Grenzen“ die Flüchtlinge betreut, täglich. „Wir sehen Kinder, die sich selbst verletzen, die versuchen Selbstmord zu begehen.“

Der Grund? Ausweglosigkeit. Obwohl alle Geflüchteten positive Asylbescheide haben, werden sie seit Monaten nicht mehr auf das griechische Festland gebracht. Und aus der EU nehmen nur wenige Länder Menschen auf, lediglich Deutschland in großem Maßstab. Österreich habe hier Nachholbedarf, sagt Bachmann. Denn auch die Hilfslieferungen haben sich als „untauglich“ erwiesen: Die gelieferten Heizungen aus Österreich funktionieren nicht – weil es keine ausreichende Stromversorgung gibt. 

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