Austria

Filmkritik zu "Isadoras Kinder": Aufgeweckt vom Schmerz

Agathe Bonitzer studiert die Choreografie von Isadora Duncans Solo „Mother“ in Damien Manivels zärtlichem Film „Isadoras Kinder“

© Filmgarten

Damien Manivel verfilmt eine Choreografie der Trauer, in Brasilien verschwindet ein Dorf und Nikolaj Coster-Waldau checkt im Selbstmord-Hotel ein

von Alexandra Seibel

Nachdem die großen US-Blockbuster auf sich warten lassen, schlägt derzeit dem Arthouse-Kino die Stunde. Zum Glück gibt es so herausragende Filme wie Damien Manivels „Isadoras Kinder“ zu sehen, der auf dem Filmfestival in Locarno einen Regie-Preis erhalten hat.

Im Jahr 1913 kommen die beiden Kinder von Isadora Duncan bei einem Autounfall ums Leben. Ihre Mutter, die heute als Begründerin des modernen Ausdruckstanzes gilt, ist vor Schmerz wie gelähmt: „Ich wollte das Schreckliche in etwas Schönes verwandeln, schreibt die Tänzerin in ihren Erinnerungen „Ma vie“, „doch mir fehlte jegliche Kraft dazu“.

Passagen aus diesem Buch begleiten drei Akte einer leisen Geschichte, die Damien Manivel zartfühlend skizziert. Es geht um eine Choreografie der Trauer, die Isadora Duncan (1877 bis 1927) mit dem berührenden Solo „Mother“ zur Klaviermusik des Russen Alexander Skrjabin schuf: „In der Früh stand ich auf und tanzte zum ersten Mal seit dem Unfall.“

Damien Manivel war selbst zuerst Tänzer, ehe er Regisseur wurde. Sein Tanzfilm folgt nicht einer üblichen Choreografie, die versucht, Schrittabfolgen dynamisch zu visualisieren. Vielmehr geht es um die Annäherung an eine getanzte Grammatik des Schmerzes.

Es sind zögernde Gesten des Abschiednehmens: „Die Kinder an der Hand nehmen“, „das letzte Mal liebkosen“ – Duncan sucht nach einem Vokabular, ihren Kummer in körperliche Bewegungen zu übersetzen. Dank dieser Bewegungen lässt sich ihre Erfahrung von Verlust und Trauer teilen.

Manivel konzentriert sich auf Hände, Füße, Gesichter, während er vier Frauen dabei beobachtet, wie sie sich Duncans Solo „Mother“ – jede auf ihre Art – aneignen.

„Mother“

In der ersten Episode erarbeitet sich eine Tänzerin (Agathe Bonitzer) mithilfe von Duncans Texten und Notationen Bewegungsabläufe. Die junge Frau und ihr fragiler Körper entsprechen jenem ätherischen Tänzerinnenideal, das landläufig von Ballerinen des (klassischen Ballett-)Tanzes erwartet wird.

Doch Manivel interessiert sich nicht für perfekte Körper, sondern für verkörperte Empfindungen. In der zweiten Episode beobachtet er eine Choreografin (Marika Rizzi) in der Zusammenarbeit mit einem Mädchen mit Downsyndrom (Manon Carpentier). Auch hier geht es nicht um die virtuos einstudierte Geste, sondern die gelebte Erfahrung und deren Wahrhaftigkeit.

Im dritten Teil schließlich kommt es zur Aufführung des Stücks, von dem Manivel nicht viel zeigt. Stattdessen beobachtet er den Effekt von „Mother“ auf das Publikum. Er fokussiert auf das bewegte Gesicht einer älteren Frau – gespielt von der Choreografin Elsa Wolliaston – die sich nach der Aufführung mühsam in ihr einsames Apartment schleppt.

Ihr Körper macht ihr zu schaffen: Schwer und gebrechlich, lässt er sie nach Atem ringen. Doch auch hier finden Duncans Bewegungen ihren Widerhall, setzen sich fort, suchen in den Gesten der schmerzerfüllten Frau ihren erschütternden Ausdruck: „Ich habe meinen Tanz nicht erfunden, er existierte lange vor mir“, notiert Isadora Duncan: „Er schlummerte jahrhundertelang, und meine Trauer hat ihn aufgeweckt.“

INFO: F 2019. 84 Min. Von Damien Manivel. Mit Agathe Bonitzer, Manon Carpentier.

Filmkritik zu "Bacurau": Zum Abschuss freigegeben

Kann ein Dorf plötzlich von der Landkarte verschwinden?

Es kann: Die Kinder eines brasilianischen Dorfes stellen eines Tages gemeinsam mit ihrem Lehrer fest, dass ihre Wohnort Bacurau nicht mehr auf der GPS-Landkarte zu finden ist. Und nicht nur das: Das Handynetz funktioniert nicht mehr, und auch die Wasserversorgung und die Medikamentenlieferung wurden unterbrochen. Der korrupte Bürgermeister verspricht zwar die Verbesserung der Lebensumstände, will aber in Wahrheit nur eine Wahl gewinnen.

Der regierungskritische brasilianische Regisseur Kleber Mendonça Filho („Aquarius“) hat gemeinsam mit seinem Produktionsdesigner Juliano Dornelles eine bitterböse Politsatire auf die brasilianische Gegenwart gedreht, die allerdings in der nahen Zukunft stattfindet. In einer  wütenden, überbordenden Mischung aus Western, Science Fiction und Mystery-Drama mit dokumentarischem Blick erzählen die Filmemacher von politischer Willkür und sozialer Ungerechtigkeit: Teile der Bevölkerung werden zum Abschuss freigegeben – und zwar buchstäblich.

Allein der Einstieg ist schräg, wenn ein Lastwagen Särge überfährt, die auf einer staubigen Landstraße verstreut liegen. Spätestens im letzten Drittel, wenn eine US-Einsatztruppe Jagd auf die Bevölkerung macht, gerät der Sci-Fi-Thriller komplett aus den Fugen und sprengt alle Genre-Ketten.
Das Ergebnis ist sehenswert und anstrengend gleichermaßen, in jedem Fall aber wütendes, radikales Kino. Stark besetzt mit der tollen Sônia Braga und einem – wie immer – sinistren Udo Kier.

INFO: BRA/FR 2019. 131 Min. Von  Kleber Mendonça Filho, Juliano Dornelles. Mit Bárbara Colen, Sônia Braga, Udo Kier.

Filmkritik zu "Suicide Tourist": Wir empfehlen Ihnen die Bio-Urne

„Aurora – ein schönes Ende“, verspricht die Belegschaft eines entlegenen Berghotels, in dem lebensmüde Menschen ihren stilvollen Abgang planen können. Für den todkranken Versicherungsmakler Max – stoisch gespielt von „Game of Thrones“-Star Nikolaj Coster-Waldau – kommt dieses Angebot wie gerufen.

Seit er weiß, dass sein Gehirntumor stetig wächst, möchte er sich selbst umbringen, ehe die Krankheit seine Persönlichkeit zerstört.

Klingt nach klassischem Sterbedrama, ist es aber nicht. Zwar hält Jonas Alexander Arnby, Regisseur des Horror-Dramas „When Animals Dream“, an einem gekonnt konsequent inszenierten, düsteren Look fest, der Max’  Verzweiflung widerspiegelt: Die Innenräume sind in  dämmriges Licht getaucht, die Außenwelt  erscheint winterlich monoton, die Stimmung ist durchgehend mystisch-melancholisch. Vor allem das aseptische Sterbehotel – ein teurer Schuppen in minimalistischem Dänen-Design – verströmt tödliche Professionalität. Daran kann auch ein kurioser Kurzauftritt von Johanna Wokalek als Bestattungsexpertin für Bio-Urnen nichts ändern.

Doch Regisseur Arnby vertraut seiner klammen Geschichte und ihrer unheilschwangeren Atmosphäre nicht. Stattdessen beginnt er   unvermutet, wirre Thrillerspuren dort zu legen, wo man sie am wenigsten brauchen kann. Damit schwächt er das  Mysterium der todessehnsüchtigen Bilder und verrät die angestrebte Seriosität seines Sterbehilfedramas. Einen richtig guten Thriller liefert er  im Gegenzug aber auch nicht ab, sondern macht daraus nur „Aurora – ein unschönes Ende“.

INFO: DK/NOR/D 2019. 90 Min.Von Jonas Alexander Arnby. Mit Nikolaj Coster-Waldau, Kate Ashfield, Tuva Novotny.

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