Austria

Feuerwehr-Legende vor schwerstem Gang

1,96 Meter groß, kerzengerade wie ein Junger, steht er in seinem Geschäft in St. Johann. Kunden kommen, fragen ungläubig, ob der Ernst ab Freitag Abend wirklich nicht länger seine 120 jungen und alten Kameraden dirigieren darf? Ob er mitten in der sechsten Kommandanten-Periode abbrechen muss?

„Ja, am 9. Juni bin ich 65 geworden, in diesem Jahr muss man ausscheiden. Ich will sicher keine Extrawurst und um eine Verlängerung betteln“, sagt Stöckl mit fester Stimme. Doch diese Stimme beginnt zu zittern und die Augen werden wässrig, wenn man nach seinen Emotionen fragt, die ihn heute beim letzten Gang zu langjährigen Weggefährten begleiten werden. „Ich weiß es nicht – aber da bricht etwas weg aus meinem Leben, wie auf einer Eisscholle . . .“

Nie ein „Bequemer“
Ein Bequemer war Ernst Stöckl nie. Wenn es um seine Feuerwehr ging, waren die Debatten oft erbittert. Die neue Bekleidung war so ein Thema, die manche der „Oberen“ anders sahen als er. „Aber ich hatte mit allen immer eine Gesprächsbasis“, resümiert Stöckl nicht ohne Stolz. Warum er schon nach acht Jahren Mitgliedschaft zum Kommandanten gewählt wurde? „Ich glaube, ich habe ein Gefühl für die Menschen. Wen ich auf welche Weise fördern muss.“

Es galt, stets ein Vorbild zu sein. Und da ging der Kaufhausbetreiber über die eigenen Grenzen: „Ich habe in 35 Jahren jede Übung mitgemacht, war in 25 Jahren insgesamt etwa zwei Monate auf Urlaub.“ Ehefrau Heidi schaut ihn an: „Ja, sein Hauptjob war die Feuerwehr und nicht der Laden.“

Eine Woche Flut-Einsatz
Viel Unvergessliches ist passiert in 35 Jahren. Beim Hochwasser 2002 sah ihn seine Frau eine Woche lang fast nie. Es gab Großbrände mit gerade noch geretteten Gebäudeteilen, Massenkarambolagen und leider auch den schlimmsten Fall, als er bei Fieberbrunn einen Schulbuben tot von den Geleisen tragen musste, den ein Zug erfasst hatte. „Das hat ihm lange schiach tan“, erinnert sich seine Gattin.

Lieber redet der Vater zweier erwachsener Töchter über Hoppalas, die passierten. Etwa, als sein Trupp nach einem Brandalarm im Hotel Goldener Löwe mit dem Aufzug hinauffuhr, der plötzlich stecken blieb. Als es in der Kabine heißer wurde, zwängte man die Tür etwas auf und schrie dem Hausmeister zu: „Hol die Feuerwehr!“ Worauf dieser zum Entsetzen der Eingeschlossenen entgegnete: „Wieso? Die Feuerwehr haben wir eh schon im Haus!“

Der Mann ohne Handy
Ein Unikum ist der 65-Jährige auch aufgrund seiner Handy-Abstinenz: „Ich bin wohl der einzige Feuerwehrchef in Europa ohne Handy. Aber es war nie ein Problem – es gibt Piepser und Funk und im Geschäft bin ich immer erreichbar.“

Verständnis für die Pensionsregelung bei den Florianijüngern hat Stöckl nur bedingt: „Die Mannschaft wählt den Kommandanten und sie erkennt, wenn jemand für die Führungsfunktion nicht mehr gut genug ist – da bräuchte es gar kein Gesetz.“ Nun bleibt Zeit für die Familie, die in all den Jahren zurückstecken musste. Bei Sirenenalarm will er sich „lieber die Ohren zuhalten“, als sich künftig noch einzumischen“. Ernst hat Schuhgröße 48, die Fußstapfen für den designierten Nachfolger Michael Schenk sind auch deswegen recht groß.

Andreas Moser, Kronen Zeitung