Austria

Festspieldirektorium: „Wir fahren eine Achterbahn der Gefühle“

Zwischen Optimismus und Skepsis: Direktor Lukas Crepaz, Präsidentin Helga Rabl-Stadler, Intendant Markus Hinterhäuser

© APA/BARBARA GINDL

Lukas Crepaz, kaufmännischer Direktor der Salzburger Festspiele, erklärt das Konzept, mit dem Corona in Schach gehalten werden soll

von Thomas Trenkler

Lukas Crepaz, seit April 2017 kaufmännischer Direktor der Salzburger Festspiele, agiert sanft lächelnd aus dem Hintergrund. Keine Herausforderung ist zu groß – auch nicht der komplette Umbau des Programms aufgrund der Epidemie. Zudem hat er als Covid-19-Experte des Festivals zusammen mit einem Expertenbeirat aus Medizinern ein umfangreiches Präventionskonzept erarbeitet. Es geht sogar, wie der Tiroler, Jahrgang 1981, erklärt, über die Vorgaben der Bundesregierung hinaus.

KURIER: Die Festspiele trotzen der Krise – und starten am 1. August. Wie laufen derzeit die Proben ab?

Lukas Crepaz: Alle mussten einen sogenannten PCR-Test mitbringen, der nicht älter als vier Tage alt sein darf. Und er muss natürlich negativ sein. Wir haben Anleihen bei der Bundesliga genommen, die deutlich früher wieder starten durfte, und unterscheiden drei Gruppen. Wir haben also die „rote Gruppe“, die im Rahmen ihrer Berufsausübung, etwa auf der Bühne oder im Orchestergraben, den Ein-Meter-Abstand nicht einhalten und den Mundnasenschutz nicht tragen kann. Sie wird regelmäßig getestet. Die Personen der „roten Gruppe“ müssen ein Kontakttagebuch und ein Gesundheitstagebuch führen.

Mit allen Kontakten?

Nur alle Intensivkontakte. Wenn man sich länger als 15 Minuten in einem geschlossenen Raum in einem Abstand von weniger als zwei Metern aufhält, dann ist dieser Kontakt anzuführen. In Freiluftbereichen nur dann, wenn man mehr als 15 Minuten von Angesicht zu Angesicht gestanden oder gesessen ist. Wir brauchen dieses Tagebuch, um notfalls möglichst schnell die potenziell Betroffenen isolieren zu können.

Als Künstler müsste ich Ihnen mitteilen, mit wem ich im Bett war?

Nicht, wenn Sie zwei Meter Abstand gehalten haben. Aber Spaß beiseite: Das Kontakttagebuch wird nur von den Behörden und den Ärzten eingesehen. Und nur für den Fall, dass es eine Infektion gibt. Zum Glück gab es diesen Fall noch nicht. Aber man muss ihn einkalkulieren. Die Pandemie ist noch nicht vorbei.

Die Künstler zu kasernieren?

Daran ist nicht gedacht. Alle Mitwirkenden sind sich der Verantwortung bewusst. Auch deshalb, weil sie wissen privilegiert zu sein: Sie dürfen Kunst machen.

Welche Gruppen gibt es noch?

Die orange Gruppe besteht aus Personen, die zwar Schutzausrüstung tragen, aber den Ein-Meter-Abstand teilweise unterschreiten müssen, darunter die Maskenbildnerinnen. Und dann gibt es noch die gelbe Gruppe. Zu ihr gehört der Großteil unserer Mitarbeiter. Sie tragen Mundnasenschutz und können den geforderten Abstand einhalten.

Wie erkennt man sich gegenseitig?

Es gibt Ausweise mit Punkten und dazu farbige Bänder. Ich gehöre zur orangen Gruppe.

Angenommen, ich habe die Erkrankung schon hinter mir und kann dies beweisen: Muss ich mich dann auch der Prozedur unterwerfen?

Es gibt tatsächliche solche Fälle bei uns – unter den Protagonisten. Eine komfortable Situation, weil man sich keine Sorgen mehr um die eigene Gesundheit machen muss. Und weil man als Überträger nicht mehr infrage kommt. Trotzdem bleiben wir bei der Prozedur.

Die Präsidentin strahlt Optimismus aus, der Intendant bleibt sorgenvoll. Welche Rolle nehmen Sie ein?

Ganz so eindeutig ist das nicht. Im gesamten Pandemieverlauf sind wir eine Achterbahn der Gefühle gefahren. Und da haben sich die Rollen mitunter auch geändert. Zu dritt kann man sich immer wieder gegenseitig aufbauen.

Wie bauen Sie das Publikum auf?

Die Kapazität von 1.000 Personen im Saal ist uns vorgeschrieben. Das heißt, dass im Großen Festspielhaus nur 45 Prozent der Sitzplätze belegt sein werden. Im Parkett wird man im Schachbrettmuster sitzen: Der Platz vor einem bleibt leer.

Man hat also auch im Haus für Mozart eine grandiose Sicht?

Ja, und die Damen können neben sich die Tasche abstellen. Das ist doch bequem! Und in den Rängen haben wir eine dynamische Belegung bis zu zwei Drittel der Plätze.

Wenn ich mit meiner Frau komme, dürfen wir nebeneinandersitzen – und erst dann bleibt ein Platz frei?

In den Bereichen mit Zwei-Drittel-Belegung, ja. Das System bucht automatisch den Platz daneben als leer ein. Da ja auch Menschen allein kommen, können wir noch nicht genau sagen, wie hoch tatsächlich die verfügbare Zahl an Plätzen ist.

Aber das Gedränge beim Eingang?

Der Zugang wird über deutlich mehr Eingänge möglich sein, es gibt eine aktive Besucherführung. Man kommt sich also nicht ins Gehege. Und wir spielen ohne Pause. Die Buffets bleiben geschlossen.

Fiebermessen?

Wir haben noch einige Maßnahmen in petto, falls sich die Situation verschärfen sollte. Aber das Fiebermessen ist nicht in unserem Konzept enthalten. Denn es ist bei hohen Temperaturen fehleranfällig.

Der Prosecco-Stand im Freien?

Da haben wir nichts mitzureden, die Bewilligung ist Sache der Stadt.

Und wie wird es beim „Jedermann“ auf dem Domplatz sein?

Statt 2.400 haben wird nur 1.180 Plätze im Schachbrettmuster verfügbar. Die Verordnung erlaubt ja im Außenbereich bis zu 1.250 Besucher. Aber was macht man, wenn bei Schlechtwetter ins Große Festspielhaus übersiedelt werden muss?

Ein Auge zudrücken?

Natürlich nicht. Es gibt 180 Schönwetterkarten. Bei Regen verfallen sie – und die Besitzer bekommen das Geld zurück.

Sie mussten ja die ursprünglichen Kartenverkäufe rückabwickeln.

Ja, wir haben bereits 15 Millionen Euro zurücküberwiesen. Das ist in dieser kurzen Zeit eine enorme Leistung unseres Kartenbüros.

Nun haben Sie den Kunden individuelle Ersatzprogramme angeboten. Sie wurden von Computer generiert – und sind mitunter etwas absurd. Meine Frau und ich müssten gleich mehrfach anreisen ...

Der Algorithmus versucht das ursprüngliche Programm mit dem neuen zu matchen. Er bietet daher, wenn man z. B. Karten für „Tosca“ hatte, das Konzert von Anna Netrebko an. Hinter jedem Algorithmus stehen Annahmen. Es gibt wohl viele, die nicht nur die Oper, sondern auch Netrebko gerne gesehen hätten.

Sie können jetzt nur ein Drittel des ursprünglichen Kartenkontingents anbieten. Der Run wird aber wohl viel geringer sein. Denn aus Übersee kann kaum jemand anreisen.

Für die meisten Drittstaaten gibt es noch strikte Einreisebeschränkungen, diese Besuchergruppen fallen daher weg. Am 13. Juli startet der freie Verkauf. Und wir werden noch Karten anbieten können.

Drohen nationale Festspiele?

Nein, es werden europäische Festspiele. Und für alle, die nicht kommen können, gibt es ein reiches Programm in Zusammenarbeit mit dem ORF und mit Arte.

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