Austria

Erklärungsversuch: Warum es die meisten Neuinfektionen am Land gibt

© Kurier/Juerg Christandl

Mehr Sozialleben, weniger Homeoffice, andere Teststrategien – oder ist es aber eher Zufall?

von Konstantin Auer

Lange galten Wien und die anderen Städte Österreichs als Corona-Sündenböcke. Doch seit geraumer Zeit scheint sich das geändert zu haben. Wien hatte im Bundesländervergleich in den vergangenen sieben Tagen die wenigsten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner.

Am höchsten sind die Werte in Salzburg, Kärnten, Oberösterreich und in Tirol – also in West-Österreich. Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker sprach zuletzt sogar von einem Ost-West-Gefälle.

Und auch in den Bundesländern sind es vor allem die ländlichen Regionen. Das zeigen die Zahlen auf Bezirksebene: Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt, Villach, Linz, Graz – in all diesen Städten liegt man deutlich unter dem jeweiligen Bundesländerschnitt.

Ländliche Bezirke als Spitzenreiter

Umgekehrt sind die momentanen Spitzenreiter bei den Neuinfektionen die Bezirke Tamsweg, Wolfsberg und St. Veit an der Glan – eher ländliche Bezirke.

Doch wie kann man das erklären?

Eine These, die man immer wieder hört, ist die der politischen Debatte: Auf die Städte (besonders Wien) wurde zu Beginn der Krise genau geschaut – dort war man dadurch vielleicht vorsichtiger.

Anderes Sozialleben

Ein anderer Grund könnte in den Unterschieden im Sozialleben zu finden sein. Kleinere Gruppentreffen von Vereinen, größere Familienfeiern auch im privaten Raum gehören zum Landleben. In der Stadt ist man hingegen an Distanz und Anonymität gewöhnt.

Eine weitere Erklärung könnte in der Mobilität liegen: Weniger Bürojobs am Land erschweren das Homeoffice. Oder man pendelt zum Arbeiten in die Stadt und könnte das Virus aufs Land mitnehmen. Außerdem haben die Bundesländer unterschiedliche Teststrategien – wie viel und wer auf Bezirksebene aber tatsächlich getestet wird, dazu gibt es keine Zahlen.

Zufallsverteilung?

Vielleicht ist die momentane Lage aber auch nur Zufall. „Mit den vorhandenen Daten valide Aussagen zu Unterschieden zwischen Stadt und Land zu machen, ist schwer“, sagt Epidemiologin Eva Schernhammer. Vielleicht gibt es auch innerhalb der Städte eine große Streubreite, und am Land könne ein einzelner Cluster die Zahlen hochtreiben, sagt die Epidemiologin.

Auch Wirtschaftssoziologe Bernhard Kittel, der an der Uni Wien im Rahmen des Corona-Panels wöchentlich Umfragen zur Pandemie macht, sieht keine Datenbasis, an der man klare Unterschiede festmachen könnte.

„Das meiste Infektionsgeschehen ist zufallsverteilt“, sagt er. Er warnt daher davor, das Gefälle zwischen Stadt und Land politisch oder kulturell erklären zu wollen: „Die Lage kann kommende Woche schon wieder anders sein.“ 

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