Austria

Eine Luftnummer

Balken runter, setzen, Tunnelblick. Das kennt man aus dem Fernsehen, wo die Kamera dann das hochkonzentrierte Gesicht des Skispringers einfängt und in die warmen Wohnzimmer sendet. Und jetzt wartet man selbst auf so einem Balken im Oberstdorfer Skisprung-Stadion.

Es ist nur eine Zwanzig-Meter-Schanze, eine Mini-Anlage für blutige Anfänger, die heute gekommen sind, um einmal den Stoch, den Geiger oder den Kraft zu machen. Das ist natürlich übertrieben. An einem Tag kann man Skispringen nicht lernen. Aber man hebt ab, erlebt dieses einmalige Gefühl des Fliegens – das jedenfalls hat der Veranstalter des Workshops versprochen. Voraussetzung ist allerdings, dass man sich traut, die gut 30 Meter lange, steile Anlaufspur im Schuss hinabzufahren und sich dann vom Untergrund abzudrücken. Es ist, als stünde man vor einer schwarzen Piste – mit dem Unterschied, dass niemand auf die Idee käme, sie im Sturzflug hinabzusausen. In tief gebeugter Abfahrtshocke, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Bremsmanöver, ohne einen Schwung zu setzen, der die Fahrt kontrollierbar macht. Und am Ende wartet das Nichts, ein Sprung in den leeren Raum. Man sieht den Hügel, auf dem man hoffentlich heil landet, noch nicht einmal.

Die Schwierigkeit, nicht nachzudenken

"Nicht nachdenken, einfach losfahren und springen", lautet der Tipp von Lena Tümmers, die den Workshop zusammen mit ihrem Vater organisiert hat. Die junge Frau war in ihrer Jugend selbst Skispringerin, ist im zarten Alter von 15 Jahren 65 Meter durch die Luft gesegelt. Jetzt steht sie ein paar Meter neben dem Balken und lässt ihren rechten Arm nach unten sausen. Soll heißen: Starten! Auch das kennt man aus dem Fernsehen. Der Trainer senkt sein Fähnchen und die Kamera verlässt das entschlossen, souverän und selbstsicher wirkende Gesicht des Skispringers und zeigt ihn in der Totalen. Er stößt sich ab und geht sofort in die Hocke, um maximal zu beschleunigen. Also, los geht die rasante Fahrt. Zwei Sekunden, die sich verdammt lang anfühlen. Links und rechts hat der Ski nur 30 Zentimeter Luft, dann zu beiden Seiten ein Holzgeländer. Der Platz reicht nicht einmal, um einen Pflug zu machen und das Tempo zu drosseln. Schneller und schneller, der Schanzentisch kommt bedrohlich näher. Vorhin auf dem Balken hat man die wichtigsten Tipps des Trainers noch mantraartig heruntergebetet: tiefe Hocke, Spannung halten, über dem Ski bleiben, im richtigen Moment aufrichten und nach vorne abspringen. Jetzt ist alles weg, wie bei einer Festplatte, die per Knopfdruck gelöscht wurde. Man ist so sehr damit beschäftigt, den kleinen Teufel zu bekämpfen, der unaufhörlich brüllt: abbrechen, bremsen, Schluss! Mit seinen Füßen tritt der fiese Kerl in die Magengrube. Dann ist die Anlaufspur zu Ende, die Beine machen wenigstens eine reflexartige Sprungbewegung und man befindet sich plötzlich in der Luft.

Skispringen zählt zu den beliebtesten Wintersportarten. Als noch keine Pandemie war, drängten sich 27.000 Zuschauer in der Arena. Am Fernseher fiebern immer noch Millionen mit. "Dabei sind wir eigentlich eine Randsportart", hat Walter Hofer, bis 2020 Skisprung-Renndirektor beim Internationalen Skiverband FIS, einmal gesagt. Weltweit gibt es offiziell nur rund 400 Athleten, die diesen Sport professionell betreiben. "Als wir angefangen haben, hat man uns für verrückt erklärt", sagt Workshop-Leiter Peter Tümmers. "Niemand hat geglaubt, dass es geht". Angesichts solcher Zweifel fühlte sich einer wie Tümmers an der Ehre gepackt.

Skispringen als Lebensschule

Tümmers war einer der ersten Mentaltrainer im deutschen Sport, hat die Skisprung-Asse Hannawald und Schmitt betreut, bevor er seine Firma ICO gründete und im Jahr 2000 den ersten Skisprung-Workshop durchführte. Er arbeitet vornehmlich mit Firmen, gibt Seminare, bei denen er Manager ans Bungee-Seil hängt und die Anlaufspur der Großschanze in Oberstdorf hinunterschickt. Es zählt zu seiner Lebensphilosophie, die "Komfortzone zu verlassen, ein Wagnis einzugehen, entscheidungsfreudig zu sein". Genau das gilt auch für die Anfänger auf der 20-Meter-Schanze. Im Idealfall lernt man, zum richtigen Zeitpunkt das Gelernte abzurufen. Denn Skispringer fokussieren sich auf den einen, klitzekleinen Moment. "Im Tennis kann ich den ersten Satz vergeigen und trotzdem ins Spiel zurückfinden." Tümmers betrachtet Skispringen als eine Art Lebensschule: "Man probiert etwas Neues, das man sich nie zugetraut hätte, und sieht, dass es irgendwie doch geht." Der Skispringer trifft eine Entscheidung und zieht die Sache mit allen Konsequenzen durch. Mut und Überwindung zählen zum Wesen der fliegenden Sportler. "Skispringer sind verrückt. Nach dem Absprung erwartet sie der totale Kontrollverlust. Das muss auch jeder von euch machen, damit es klappt."

Wer sich das traut, erlebt einen winzigen Moment, in dem sich alles frei und fließend, schwerelos und schwebend anfühlt. Ein Augenblick, in dem alle Schwierigkeiten und Sorgen weit weg erscheinen. Aber dann tauchen auch schon die Probleme wieder auf: Die Skienden hängen unkontrolliert nach unten, kratzen über den Schnee, während die Spitzen noch steil in die Luft zeigen. Dumpf und mit den Armen rudernd setzt man auf, um einen Sturz zu vermeiden. Gemessen wird an dem Punkt, wo die Bindung aufsetzt, im ersten Versuch immerhin nach zwölf Metern.

Zum Glück gibt es keine Haltungsnoten, das Video zeigt nämlich ein schlaffes Flugobjekt knapp über dem Schnee. Man hat noch ein paar weitere Versuche, stapft vor jedem Durchgang tapfer die vereisten Treppen nach oben, steht an, sitzt auf dem Balken, wartet auf das Zeichen und muss doch jedes Mal seinen ganzen Mut aufbringen, um wieder Kopf voraus die Spur hinabzufahren. Manchmal erwischt man den Absprung, meist jedoch nicht. Dank Videoanalyse kann man kleine Fehler korrigieren und sich vorsichtig steigern. Am Ende stehen als Bestweite zwei 16-Meter-Sprünge. Kein Stoch und kein Geiger. Aber immerhin: "Seit heute seid ihr richtige Skispringer." Danke, Trainer.

Anlauf zum Workshop

Anreise: Über die A8 (München) und A96 (Lindau) bis Jengen/Kaufbeuren. Auf der B12 bis Kempten dann auf die A7 (Füssen) und über das Teilstück der A980 (Richtung Lindau) bis Waltenhofen und weiter auf der B19 über Sonthofen nach Oberstdorf (fünf Stunden ab Linz).

Unterkunft:
Hotel Traube: zentral in Oberstdorf gelegen. Moderne Zimmer und Wellnessbereich. DZ/F ab 115 Euro/Nacht www.hotel-traube.de
Hotel Mohren: umfangreiches Gästeprogramm mit Alp-Abend, Winterwanderungen und Schanzenführung. DZ/F ab 150 Euro/Nacht. www.hotel-mohren.de

Skisprung-Seminar-Termine auf Anfrage. Im Sommer auch Mattenspringen.
Kosten: ca. 160 Euro inklusive Leihski (Alpinski, keine Carver). Gegen Gebühr: Skischuhe, Skihelm (Pflicht).
Ablauf: Treffpunkt bei einer örtlichen Skischule, Fahrt zum Stadion. Aufwärmübungen, Theorie, Praxis.
Dauer: ca. sechs Stunden inkl. Mittagspause. Zuschauer erhalten Zugang durch den üblichen Eingang der Arena (6 Euro). www.ico-oberstdorf.de

Nordische Ski-WM in Oberstdorf: Die Weltmeisterschaft findet vom 23. Februar bis 7. März statt. Auf dem Programm stehen Nordische Kombination, Langlaufen und Skispringen. www.oberstdorf2021.com, www.audiarena.de

Tourist-Infos: www.oberstdorf.de

Football news:

City hat viel Geld, um viele unglaubliche Spieler zu kaufen. Guardiola scherzte über die Gründe für die Siegesserie
Zunächst überlistete Zidane Gasperini mit einem Muster ohne Stürmer. Und dann kam die Löschung - und verwirrte die Pläne für beide Teams
In der 17. Minute sah Schiedsrichter Tobias Stieler Remo Fryler wegen eines Fouls an Ferlan Mehndi an der Strafraumgrenze die rote Karte. Der Schiedsrichter sah sich die Wiederholung des Moments nicht selbst an
Vielleicht kehrt Zlatan wieder in die Nationalmannschaft zurück. Es zeigt immer noch unrealistische Ergebnisse. Starfelt über Ibrahimovic
Alissons Vater ist in Brasilien ertrunken. José Becker, der Vater von Liverpools Torwart und Brasiliens Nationalspieler Alisson Becker, war am Vortag in Brasilien ertrunken
Jordan Henderson wird wegen einer Leistenverletzung mindestens 4-6 Wochen fehlen
Die Tore von Giroud, Mbappé und Mehndi qualifizieren sich für die Besten in den ersten Achtelfinal-Spielen der Champions League