Austria

Diese Helden der Krise sind für uns da

Harald Hinterseer fährt seit 40 Jahren mit dem Lkw, derzeit aber unter völlig veränderten Bedingungen.

© Privat

Der KURIER holt Menschen, die unseren Alltag während der Corona-Krise in Gang halten, vor den Vorhang.

von Marlene Penz, Thomas Orovits, Dominik Schreiber, Nikolaus Tuschar

Harald Hinterseer ist seit 40 Jahren Lkw-Fahrer. Soviel wie sich in den letzten drei Wochen in seinem Beruf verändert hat, hat sich in seiner ganzen bisherigen Laufbahn nicht getan – und er sehnt sich nach der Zeit vor der Corona-Krise.

„Ich hoffe, die Bedingungen ändern sich bald wieder, das ist nicht lustig“, beteuert der 58-Jährige via Freisprecheinrichtung, während er von Linz nach Asten fährt, um dort Tiefkühlware zu laden, die er weiter in die Schweiz verfrachten wird. Mit den Bedingungen meint er nicht nur die längeren Wartezeiten am Zoll – „dort arbeiten sie auch mit verringertem Personal, damit es Reserve gibt, sollte jemand erkranken“ – und den damit einhergehenden Zeitverlust oder die Fieberkontrollen an der Grenze, die stichprobenartig durchgeführt werden.

„Im Moment ist es egal, wo ich stehen bleibe, alles ist für uns zu. Ich schlafe im Auto, oft dauert es Stunden bis es die Möglichkeit gibt, sich wenigstens ein bisschen zu kultivieren“, erzählt der Salzburger. Derzeit ermögliche es ihm sein Arbeitgeber (Gebrüder Weiss), jeden zweiten Tag zum Schlafen nach Hause nach Zell am See zu fahren. Da könne er wenigstens duschen und eine warme Mahlzeit zu sich nehmen.

„Jeden Tag Leberkäs-Semmel geht ja auch nicht“, sagt er. Vor den Corona-Maßnahmen war es üblich, dass er zum Mittagessen irgendwo am Weg ein Menü gegessen hat. „Jetzt kannst du maximal in den Supermarkt gehen, wenn du unterwegs bist – aber selbst da sind die Möglichkeiten beschränkt, weil wo sollst du das Auto abstellen?“, betont er und sagt, dass er selbst durch seine jahrelange Erfahrung noch gut dran sei, weil er wisse, wo es Laderampen zum Zufahren und Parken gibt.

„Wir Fahrer sind total isoliert und abgeschottet im Moment. Bei den Betrieben, wo man sonst vielleicht einen Kaffee getrunken hat oder wo wir zum Duschen reinkonnten, da geht das jetzt auch nicht mehr“. Auch die Fahrtzeit hat sich erhöht. Sind es normalerweise neun Stunden, können jetzt „zehn bis elf“ ausgeschöpft werden – generell sind seine Arbeitstage jetzt länger, weil auch das Entladen und Beladen länger dauert. Pro Tag legt er rund 500 Straßenkilometer zurück.

Wichtig wäre für ihn und auch für seine Kollegen, dass die Betriebe Sanitäranlagen zur Verfügung stellen: „Bei den Supermarktketten kommen am Tag bis zu 120 Lkw, das sind 120 Fahrer, und dann gibt es nur ein mobiles Plastikklo für alle.“ Es ist ein bescheidener Wunsch. Harald Hinterseer und seine Berufskollegen zeigen sich genügsam. Sie wissen, wie wichtig und notwendig ihr Dienst für die Gesellschaft ist.

"Zutaten bekommen wir zum Glück immer"

Heeresapotheker. Nie zuvor war Desinfektionsmittel so notwendig wie in Zeiten von Corona – und nie war die Versorgung so knapp wie jetzt.

Die Heeresapotheke sorgt dafür, dass die Engpässe nicht zu groß werden: 200 bis 400 Liter Desinfektionsmittel werden täglich im Wiener Sanitätszentrum Ost zusammengemixt. „Wir halten uns an eine Rezeptur der WHO, die 2016 im Zuge der Ebolakrise veröffentlicht wurde“, sagt Oberstapotheker Richard Wosolsobe, im Verteidigungsministerium Referatsleiter für Apothekenwesen, zum KURIER.

„Die Zutaten bekommen wir zum Glück immer, da sie in Österreich produziert werden“, sagt Wosolsobe. Die Brau Union spendete etwa 4.000 Liter Alkohol an das Bundesheer. Derzeit produziert das Heer auch für das Justizministerium und die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt Desinfektionsmittel.

Empathie als Schlüssel, Normalität als Ziel

Behindertenpflege. Das aufrichtigste Mitgefühl empfindet, wer den Schmerz aus eigener Erfahrung kennt, so beschrieb einst der englische Schriftsteller John Gay seinen Zugang zur Empathie.

Katharina Leitner hat dieses „Gespür“  früh erlernen müssen. Ihr verstorbener Bruder Manuel litt am Down-Syndrom. Die  23-jährige Villacherin musste   lernen, das Leben aus der Sicht eines anderen zu sehen, geduldig zu reagieren und ihr Einfühlungsvermögen zu schärfen. Eigenschaften, welche sie heute Tag für Tag in ihrer Arbeit als Behindertenbetreuerin im „Haus Elin“ braucht. Ein Pflegeheim, das sich vor allem auf ältere Menschen mit geistiger Behinderung spezialisiert hat.

Elf Menschen arbeiten gleichzeitig in einer Schicht und betreuen 47 Bewohner,  zwischen 32 und 92 Jahren alt. Beginn ist für Leitner täglich um 8 Uhr. Zuerst geht es  durch eine Schleuse. Dann wird die Temperatur gemessen. „Danach geht es zum Aufenthaltsaal. Dort hat man zuerst ein offenes Ohr für die  Bewohner,“ erklärt Leitner. Man versucht so gut es geht, Normalität zu simulieren. Es gilt, den strukturierten Wochenplan  einzuhalten, um den im Heim Lebenden das Sicherheitsgefühl im Alltag nicht zu nehmen. Es wird wie üblich gefrühstückt und danach zur  Pflegeroutine übergegangen. Trotzdem gelten Maßnahmen wie Schutzmaske und Bekleidung, daran komme man  nicht vorbei, erklärt die Villacherin.  Langeweile und Lagerkoller werden aber vor allem durch Frischluftaktivitäten vermieden.

"Das bringt eine eigene Stimmung mit sich"

Reinigungskraft. Ohne die Tausenden Mitarbeiter der Bahn würde Österreich derzeit still stehen. Doch an dem großen Rad der ÖBB drehen viele kleine Rädchen. Auch Reinigungskraft Sekou Camara ist wichtig, um den Betrieb am Wiener Westbahnhof am Laufen zu halten.

Seine Funktion nennt sich „Unterhaltsreinigung“ bei den sogenannten MUNGOS – er sorgt dafür, dass die komplette Halle, die Personenkasse, die WC-Anlagen und die Müllstationen glänzen und desinfiziert werden.

„Der Dienst ist mir wichtig, um unseren  Kunden auch in der Krisenzeit einen sauberen Bahnhof zu bieten“, sagt Camara.  „Die Abstimmung mit zu Hause funktioniert sehr gut, da meine Frau nicht berufstätig ist und unser Kind betreut.“

Der Bahnhof wirkt derzeit etwas unwirklich, weil aus Sicherheitsgründen die meisten Geschäfte geschlossen sind. „Das bringt eine eigene Stimmung mit sich. Mein positives Erlebnis in der Corona-Krise war, dass ein Reisender auf mich zukam und einfach Danke sagte, weil wir trotz der Krise vor Ort sind“, erklärt Camara.

In diesen herausfordernden Zeiten helfen auch die Büromitarbeiter wie Josef Toifl und Markus Marterbauer bei der Verteilung von Desinfektionsmitteln und persönlicher Schutzausrüstung an die zahllosen Standorte und Mitarbeiter der ÖBB mit. „Mittlerweile funktioniert das wie bei einem Staffellauf, nur dass in unserem Fall der Holzstab aus vielen Paketen und Kisten besteht“, beschreibt Josef Toifl seine Arbeit.

"Meine Schüler sind mir das Wert"

Lehrerin. Das Wohnzimmer von Susanne Koller erinnert derzeit eher an ein Klassenzimmer. Hier bereitet die Klassenvorständin der 2 c der Neuen Mittelschule Theresianum in Eisenstadt die Lernunterlagen für ihre Schützlinge auf. Und von hier hält sie per Mail und WhatsApp ständig Kontakt mit den 23 Mädchen und zwei Burschen ihrer Klasse. Jetzt, vor Ostern, hielt es die Pädagogin, die seit 40 Jahren unterrichtet und nebenbei Erziehungswissenschaften studiert hat, aber nicht mehr daheim. Sie unternahm „mit Amtsbestätigung eine Ausfahrt zu schulischen Zwecken“ und brachte all ihren Schülern die neuen Lernmaterialien nach Hause.

Dazu graste sie Gemeinden in den Bezirken Eisenstadt Umgebung und Mattersburg, aber auch  im östlichen Niederösterreich ab, „natürlich mit Mundschutz“, sagt sie mit einem Lachen. Neben den Aufgaben hatte sie für jeden Schüler  ein Ostergeschenk im Gepäck. „Meine Schüler sind mir das wert, sie fehlen mir“, sagt die Pädagogin, die Deutsch, Technisches Werken  und Persönlichkeitsbildung unterrichtet und als Beratungslehrerin auch für  den kleineren und größeren Kummer der Kinder ein offenes Ohr hat.

Was hört sie so von ihren Schülern und deren Eltern, mit denen sie mitunter auch Kontakt hält? „Die Kinder vermissen das tägliche Beisammensein mit Freunden“, erzählt Koller. Zwischen den Zeilen hat sie gelesen, dass „die Eltern insgesamt weniger gut mit der Situation zurechtkommen als die Kinder“. Aber, so Koller, „jetzt wissen Eltern, was Lehrer eigentlich leisten“.

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