Austria

Die Fünf-Gewürze-Zeitmaschine

Jüngst, beim Kramen in den Tiefen des Gewürzregals, tauchte das kleine Glas wieder einmal auf: Drin ist eine Gewürzmischung, die „Fünf Gewürze“, ein braunes Pulver aus Sternanis, Szechuanpfeffer, Zimt, Fenchelsamen und Nelken, bisweilen Kardamon und Ingwer.

Wer asiatisch isst, kennt den Geschmack, er harmoniert super mit fettem Fleisch von Schwein und Ente und hat gern etwas Zucker. Auf dem Etikett steht „Migros“, eine Schweizer Supermarktkette. Und das Pulver riecht noch immer intensiv.

Und da fing der Film zu laufen an: In einem Migros in St. Margrethen an der Grenze zu Vorarlberg hab ich das Glas einst gekauft. Einst? Das war vor 31 Jahren, im Herbst 1988. Kurz vor Studienbeginn in Innsbruck kaufte ich dort einige Dinge, die es in Österreich noch nicht so gab. Und dann ging's los in der fremden Stadt, der Ostblock fiel, es gab Kriege auf dem Balkan, in Afrika, Nahost, Afghanistan, Terror, Herrscher kamen und gingen, Technik verwelkte und blühte, man zog durch 1000 Bars, verlor Menschen und bekam neue, weinte und lachte, war berauscht und ernüchtert, bereiste die Welt von Island bis Australien, Fidschi bis Feuerland, und nun steht der Bub daneben und ich weiß, ich werd bald Ente in Fünf-Gewürze-Sauce machen.

Die Zeit. Lange meint man, sie sei eine lahme Ente. Irgendwann zeigt sie, wie schnell sie watscheln kann. Und sogar fliegen. (wg)

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