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David Finchers "Mank" auf Netflix: Liegegips im Alkohol

Gary Oldman als Herman Mankiewicz freundet sich mit Zeitungsmagnaten William Randolph Hearst an und verbrät seine Begegnungen im Drehbuch zu „Citizen Kane“: „Mank“ (Filmstart geplant)  

© NETFLIX

Gary Oldman schreibt in David Finchers „Mank“ das Drehbuch zu Orson Welles’„Citizen Kane“. Meist betrunken

von Alexandra Seibel

Über die Entstehung des legendären Films „Citizen Kane“ (1941) von Orson Welles gibt es viele Geschichten zu erzählen. Die berühmteste handelt davon, wie sich der US-Zeitungsmagnat William Randolph Hearst – eine Art Vorläufer von Rupert Murdoch – in der Hauptfigur des Films, dem machthungrigen Karrieristen und Medien-Tycoon Charles Foster Kane, wiedererkannte. Wutschnaubend setzte Hearst alles daran, den Kinostart des Filmes zu verhindern (heute erledigt das Corona). Er entfesselte eine beispiellose Hetzkampagne gegen das Werk, drohte mit antisemitischer Propaganda und massiven Sanktionen gegen das Filmstudio, und denunzierte Orson Welles in seinen Zeitungen landesweit als Kommunisten.

Nicht erst seit heute wissen wir, dass die Filmgeschichte „Citizen Kane“ recht gab. Er gilt als Meilenstein des modernen Erzählkinos und führte jahrzehntelang die Bestenlisten an. Die Karriere von Orson Welles jedoch war nach der Hearst-Kampagne nachhaltig ruiniert.

Weit weniger bekannt als der Hearst-Boykott ist die Geschichte rund um die kontroversielle Autorenschaft von „Citizen Kane“.

Sowohl Orson Welles selbst als auch Drehbuchautor Herman Mankiewicz – genannt Mank – reklamierten die Autorenschaft des Drehbuchs für sich. Mank hatte ursprünglich per Vertrag auf die Nennung seines Namens verzichtet, änderte aber seine Meinung, als sich Erfolg ankündigte. Schlussendlich wurden beide – Herman Mankiewicz und Orson Welles – als Autoren von „Citizen Kane“ anerkannt und mussten sich den einzigen (!) Oscar, den der Film für „Bestes Originaldrehbuch“ erhielt, teilen.

Finchers Vater

Es war genau diese Geschichte – der Streit um die Entstehung des Drehbuchs –, die Jack Fincher, der mittlerweile verstorbene Vater von Regisseur David Fincher, in seinem ersten und einzigen Drehbuch erzählen wollte.

Sein Sohn David – akklamierter Filmemacher von Movie-Denkmälern wie „Seven“, „Fight Club“, „Zodiac“ und „The Social Network“ – gab der Geschichte seines Vaters jedoch einen anderen Spin: Sein „Mank“ (ab Freitag auf Netflix abrufbar) erzählt weniger von dem Konflikt zwischen Mank und Welles, sondern in erster Linie davon, wie Mankiewicz den Zeitungsmillionär William Randolph Hearst und dessen Freundin, die Schauspielerin Marion Davis, kennenlernte, besuchte und – nicht selten – auch beleidigte.

Die Erinnerungen an diese Begegnungen flossen später in das Drehbuch von „Citizen Kane“ ein.

B’suff

Herman Mankiewicz, Sohn deutscher Emigranten, geboren in New York, war witzig, schlagfertig, schlau – und ein B’suff, wie er im Buche steht. Keinen Job, den er nicht hinschmiss oder von dem er gekündigt wurde; in Hollywood arbeitete er als erfolgreicher Drehbuchautor, doch sein alkoholisierter Lebenswandel, gepaart mit Spielsucht, kompromittierte seine Karriere.

Bauchansatz

Finchers Film „Mank“ beginnt damit, dass Mank den Auftrag übernimmt, für Orson Welles’ Spielfilmdebüt das Drehbuch zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt kugelt er gerade mit Liegegips im Bett auf einer einsamen Ranch herum und lässt sich mit Alkohol versorgen.

Gary Oldman spielt die Hauptrolle des Mank mit Bauchansatz, Doppelkinn und dem unsteten Gang des Alkoholikers. Mit Anfang vierzig sieht er aus wie ein gut erhaltener Mittfünfziger. Gefangen im Bett, diktiert er einer Sekretärin das Drehbuch und erinnert sich in ausführlichen Rückblenden an seine Begegnungen mit mächtigen Studiochefs und seine Bekanntschaft mit William Randolph Hearst.

Meist ist Mank zwar sturzbetrunken – oder schwimmt zumindest zart im Öl – doch führt er mit scharfer Zunge Dialoggemetzel mit berüchtigten Studiobossen wie Louis B. Mayer von MGM oder dessen diktatorischen Produktionsleiter Irving Thalberg.

Mank hat ein liberales Herz, verteidigt den linken Schriftsteller Upton Sinclair, der 1930 erfolglos zur Gouverneurswahl in Kalifornien antritt, und stellt sich dem republikanisch gesinnten Louis B. Mayer entgegen.

Unter Anweisung von Thalberg produziert MGM sogar eine Fake-News-Doku, in der Sinclair als Kommunist angeprangert wird.

Dass Fincher mit diesen Hinweisen auf die gezielte Irreführung des amerikanischen Wahlvolks durch Falschpropaganda seinen „Mank“ bewusst mit politischer Bedeutung für die Gegenwart auflädt, liegt auf der Hand. Gleichzeitig ist sein „Mank“ auch eine Hommage an „Citizen Kane“ und dessen revolutionäre Bildsprache.

Fincher fotografierte „Mank“ in glasklarem Schwarz-Weiß und zitiert Welles’ Stilmittel – beispielsweise dessen berühmten Einsatz von Tiefenschärfe – in aller Ausführlichkeit. Der ungewohnt jazzlastige Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross verstärkt das punktgenaue Retro-Feeling.

Wer ist wer?

Durch seine übergenaue Stilkopie verliert „Mank“ allerdings etwas an Tempo und erzählerischer Schärfe. Im Update auf die Gegenwart stellt sich manchmal Erklärungsbedarf ein. Nicht alle werden wissen, wer Ben Hecht war, Louella Parsons oder Hedda Hopper; dass Herman Mankiewicz einen Bruder namens Joe hatte, der in Hollywood große Karriere machte, Selznick mit Vornamen David O. hieß, und mit Joe Sternberg der aus Österreich emigrierte Joseph von Sternberg gemeint ist.

Aber nicht nur für Auskenner und detailverliebte Interessenten an Hollywoods Historie ist „Mank“ superbe Insider-Unterhaltung. Fincher gibt sich der ungezügelten Lust hin, die Strippenzieher hinter Hollywoods Kulissen mit Rang und Namen zu versehen und in leuchtenden Details auszumalen.

Orson Welles

Louis B. Mayer, Studioboss und Haustyrann, verrät, dass sein Studio-Logo MGM nicht für Metro Goldwyn Mayer steht, wie jeder Depp glauben möchte, sondern für „Mayers ganze Mischpoche“.

Irving Thalberg wiederum stellt sich als skrupelloser Manipulator dar, der aus seiner idealistischen Jugend die falschen Lehren gezogen hat. Marion Davies, die Geliebte von Hearst und mit Augenaufschlag hinreißend von Amanda Seyfried gespielt, gilt als blondes Dummchen, entpuppt sich aber meist als doppelt so intelligent wie alle anderen. Während Mayer die Nazis in Deutschland für wenig gefährlich hält („Hitler, Schmitler“), benennt sie diese als profunde Bedrohung.

Orson Welles selbst bleibt diskret im Hintergrund, doch wenn er anruft, bricht allen der Schweiß aus. Der Streit zwischen ihm und Mank um das Copyright von „Citizen Kane“ kommt fast ein wenig überraschend daher: „Mank, Sie können mich mal“, sagt Orson Welles grimmig vor Journalisten, weil er sich den Drehbuch-Oscar mit Herman Mankiewicz teilen muss.

Apropos Oscar: „Mank“ wird als großer Favorit gehandelt. Gut möglich, dass er auch einen für „Bestes Originaldrehbuch“ erhält.

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