Austria

Das Lockdown-Ende am 8. Februar wackelt

Schulen sollten schon seit Wochenbeginn im Präsenzunterricht sein. Modehändler und Friseure kommenden Montag öffnen. Wirte und Hotels mit Anfang Februar - also in einer Woche - wieder Gäste empfangen dürfen. Immer wieder hat die Politik versucht, die Einschränkungen von Freiheit, Wirtschaft und Bildung mit einem Ablaufdatum zu versehen. Immer wieder musste sie es korrigieren.

Deutschland verlängert bis Mitte Februar
Zuletzt stand der 8. Februar als Tag der Öffnung im Raum. Die Anzeichen verdichten sich, dass dieses Datum nicht halten wird. Deutschland verlängert den Lockdown zumindest bis Mitte Februar. Hierzulande koppelte die Politik das Aufsperren an die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Sie soll bei 50 liegen - und lag am Freitag bei 125. Ein Sinken ist nicht in Sicht: Am Freitag gab es 1575 Neuinfektionen (mit Nachmeldungen: 2088), so viele wie eine Woche zuvor (1528).

Britische Virus-Mutation bereitet große Sorgen
Der Lockdown wirkt nicht wie gewünscht, „schuld“ ist die hochansteckende Mutation des Virus. Zudem sind die Österreicher der Maßnahmen überdrüssig. FFP2-Masken und regelmäßige Tests sollen die Zahlen drücken; ob sie das schnell genug tun, ist fraglich. Zwei Wochen dauert es, bis Maßnahmen sich auswirken, so die bisherigen Erfahrungen aus der Krise.

Hoteliers rechnen frühestens im März mit Öffnung
Immer vorsichtiger werden Zusicherungen der Politik, lauter die Stimmen, die sich eine Verlängerung wünschen. Die kommen zum Teil aus der Medizin, sicher aber nicht von Eltern, Schülern, Lehrern, von Arbeitslosen oder aus der Wirtschaft. Bei ihnen macht sich Resignation breit: Der März sei, so die Österreichische Hoteliervereinigung, das „wohl früheste realistische Datum“.

Die Überlegungen der Regierung
„Wir haben noch zwei bis drei harte Monate vor uns“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz, als er vergangenen Sonntag die Lockdown-Verlängerung bekannt gab. Öffnungen bezeichnete er da als „Leichtsinn“, wenn nicht sogar „Fahrlässigkeit“. Auf mehrere Nachfragen seitdem gab er den 8. Februar als Richtwert an - der aber nicht halten müsse. Auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober hielt inzwischen fest, dass bei 1500 Neuinfektionen pro Tag „niemand garantieren könne, dass die angestrebte vorsichtige Öffnung durchgeführt werden kann“. Eine erste Beratungsrunde mit Ländern und Experten soll es dem Vernehmen nach am kommenden Montag geben, der endgültige Beschluss fällt wohl eine Woche später.

Der Weg von Vorbild Deutschland
Pflicht zum Homeoffice in bestimmten Branchen, geschlossene Schulen und massive Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in Regionen mit hohen Zahlen: Deutschland geht seit Dezember einen deutlich härteren Weg als Österreich - sicher bis 14. Februar und möglicherweise bis März, so Kanzlerin Angela Merkel zuletzt. „Wir können eine dritte Welle noch verhindern“, betonte sie. Schützenhilfe bekommt sie seit Beginn der Krise vom Virologen Christian Drosten (siehe S. 5). Allerdings hat auch ihr Weg Kritiker: Mit der Strategie „vor dem Lockdown ist nach dem Lockdown“ sei es schwer, „über die kritische Zeit zu kommen, ohne die Unterstützung der Menschen zu verlieren“, sagt Klaus Stöhr, ehemals Leiter des Influenza-Programmes der WHO.

Die Rechnung der Mathematiker
„Man muss zwei Dinge beachten“, sagt der Mathematiker Niki Popper, „zum einen die Entwicklung der Neuinfektionen, die zwar langsam, aber stabil nach unten geht - nächste Woche sollten wir bei den täglichen Fallzahlen unter die 1000 kommen. Zum anderen kennen wir aber die Effekte der Mutation noch nicht und wissen deshalb noch nicht, ob wir sie im Griff haben.“ Eine Öffnung sei aber laut Popper nur dann sinnvoll, wenn ein vernünftiger Zahlenwert erreicht ist, damit das Testen, Tracen und Isolieren auch funktioniert. Und das sollte man nun bestmöglich vorbereiten, sodass es auch schnell geht. Denn wenn die Nachverfolgung tagelang dauert, sei sie sinnlos. Zudem brauche es vernünftige Screeningprogramme in Schulen und Firmen, betont der Mathematiker.

Die Empfehlung der Mediziner
„Es gibt keinen Grund, wegen der möglicherweise infektiöseren Variante in Panik zu verfallen“, beruhigt Mediziner Hans-Peter Hutter. In Großbritannien sei die höchste Inzidenz, die durch diese Variante bedingt war, immer noch unter der in Österreich im November gewesen. Das lasse sich im Fall frühzeitig erkennen, dann sei noch Zeit, gegenzusteuern. „Derzeit ist geboten, Lockerungsschritte zu setzen, etwa das Öffnen von Kindergärten und Schulen sowie des Einzelhandels“, sagt Hutter. Natürlich unter strenger Einhaltung von Schutzmaßnahmen und mit Präventionskonzepten. Es brauche eine Entlastung der Bevölkerung. Allen voran von Kindern und Eltern. Immer nur zuzusperren könne langfristig nicht die Lösung sein.

Die Argumente des Beraterstabes
„Momentan ist die Situation keine sichere“, sagt Herwig Ostermann von der Gesundheit Österreich GmbH. Das erschwere eine Abschätzung - und zwar überregional: „Deshalb braucht es ein EU-weites koordiniertes Vorgehen.“ Ob rigorose Einschränkungen auch nach dem 7. Februar weiter sein müssten oder nicht, hänge stark von zwei Faktoren ab: den Infektionszahlen und den Virus-Mutanten. Deutlich sinkende Zahlen sprächen für eine schrittweise, sichere Öffnung. Hier könnte aber allen voran die hoch ansteckende britische Mutation Probleme bringen. „Die Frage wird sein, welches Maßnahmenbündel es ab 7. Februar gibt. Es wird keiner davon ausgehen, dass wir danach wieder auf die Schiene unseres alten Lebens kommen.“

Die Gegenposition der Wirtschaft
„Weltuntergangsdrohungen sind völlig unpassend“, sagt Wirtschaftskammer-Chef Harald Mahrer angesichts einer möglichen Lockdown-Verlängerung. „Der Mix aus Präventions- und Sicherheitskonzepten, Testen und Impfen, zeigt eindeutig Optionen für erste Öffnungsschritte“, pocht er weiter darauf, zumindest einzelne Bereiche am 8. Februar aus dem Winterschlaf zu wecken. Zwei Milliarden Euro kostet jede Woche Lockdown die österreichische Wirtschaft.

Die rechtlichen Vorlagen für sicheres Aufsperren wurden u. a. mit verpflichtenden Tests für Berufsgruppen, Eintrittstests oder FFP2-Maskenpflicht geschaffen. Mahrer plädierte in der „Krone“ dafür, diese Werkzeuge zu nutzen. Ein Lockdown bis Ostern sei „die größte Jobvernichtungsmaschine seit dem Zweiten Weltkrieg“.

Anna Haselwanter, Silvia Schober, Teresa Spari, Kronen Zeitung

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