Austria

Charlotte Roche: „Ehe ist wie eine Große Koalition“

Charlotte Roche mit ihrem Ehemann Martin

© Marina Weigl

Von den „Feuchtgebieten“ zur Paarberatung: Charlotte Roches neues Buch mit ihrem Ehemann Martin

von Gabriele Kuhn

„Dieser Mann, Martin, ist meine große Liebe des Lebens. Ich habe für ihn und diese Liebe so viel gekämpft wie für nichts in meinem ganzen Leben. Habe hieran so viel gearbeitet wie an nichts anderem. Den Kopf zerbrochen, das Herz gebrochen und wieder zusammengeflickt. Diese Beziehung zu dir: This is my Masterpiece“:

Eine wunderschöne Liebeserklärung an ihren Ehemann Martin Keß-Roche, mit dem die Autorin Charlotte Roche das Buch „Paardiologie“ einleitet. Ein neues, gemeinsames Werk, angelehnt an den gleichnamigen Podcast der beiden, in dem sie sich an den zentralen Paarthemen abarbeiten: von der Verliebtheit über Sex bis zum Kinderkriegen. Mit der beruhigenden Erkenntnis, dass alle Paare die gleichen Probleme haben. Der KURIER bat Martin Keß-Roche zum Long-Distance-Interview per Mail.

KURIER: Gleich vorweg: Sie arbeiten viel mit Ihrer Frau zusammen. Wie hält man so viel Nähe aus? Und was sagen Sie all jenen, die gerade unfreiwillig viel Zeit miteinander verbringen müssen?

Martin Keß-Roche: Es hilft auf jeden Fall, sich die eigenen Beklopptheiten bewusst zu machen, weil wir werden in dieser Ausnahmesituation, glaube ich, so eine Art schrillere Version von uns selbst. Und wenn ich mir über meine Empfindlichkeiten und Spleens klar bin, ist das vielleicht besser auszuhalten und man kann auch gemeinsam drüber lachen, wie sehr man sich auf den Geist geht.

Und wie geht es Ihnen so in „Quarantäne“ beziehungsweise in der „Isolation“?

Uns geht’s im Moment gut damit. Wir haben aber auch ein großes Privileg gegenüber vielen anderen – wir können ja unsere Arbeit, den Podcast, einfach so weitermachen. Bei vielen ist die Situation gerade dramatisch und existenziell bedrohlich. Das macht natürlich Stress und ist keine schöne Ausnahmesituation.

Ihre Frau ist durch den Roman „Feuchtgebiete“ bekannt geworden, ein Mix aus Fiktion und Realität. Wie ging es Ihnen damit?

Ganz ehrlich: sehr gut. Ich bin und war von Anfang an ein großer Fan von Feuchtgebiete. Ich weiß noch genau, wie ich damals angefangen habe, das zu lesen und gedacht hab: Oh mein Gott, das ist richtig krass, und neu, und tief. Aber auch, und das ist oft vergessen worden in der Beurteilung, sehr, sehr lustig.

Bei der Recherche zum Interview las ich Folgendes: „Charlotte Roche zeigt zum ersten Mal ihren Ehemann“. Hielt sie Sie versteckt? Und ist es ein komisches Gefühl, „Mann von“ zu sein?

Überhaupt nicht, ich bin sehr gerne die Spielerfrau von Charlotte Roche. Ich habe mich übrigens die ganze Zeit selber versteckt, weil es vor „Paardiologie“ für mich gar keinen Grund gab, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Langzeit-Paare werden gerne nach dem „Geheimnis ihrer Beziehung“ gefragt. Gibt’s eine „Wunderformel“? Oder gilt der Steh-Satz „Beziehung ist harte Arbeit“?

Ja, absolut. Auch wenn das unoriginell ist – tut mir leid – ich unterschreibe das mit der harten Arbeit. Und ich finde, es ist auch irgendwie wie in einer funktionierenden Demokratie oder in der Großen Koalition: Es muss verhandelt werden und es geht dabei immer auch um Kompromisse. Und um Respekt.

Zu wenig Sex, zu viele Kinder, zu viel Alltag oder Stress und viel zu wenig Zeit für sich selbst: Viele Paare haben sehr ähnliche Probleme. Was tun? Was halten Sie von Ideen wie einem fixen Date, alle zwei Wochen für Paare – obwohl man eigentlich zu müde dafür ist?

Die Idee einer festen Verabredung ist vielleicht nicht die romantischste, wildeste oder abenteuerlichste Version von Sex. Aber ich finde, das kann trotzdem funktionieren, weil in dem ganzen Alltagsstress und Berufshickhack spontan sowieso nichts stattfinden würde. Da meine ich jetzt nicht nur Sex. Für jede Partnerschaft ist es doch gut, etwas regelmäßig gemeinsam zu machen, zu erleben und zu teilen. Egal, ob das ein Tanzkurs ist oder ein Ehrenamt in der Geflüchtetenhilfe.

Untreue gilt als häufigster Trennungsgrund. Sollte eine gute Ehe einen Seitensprung aushalten?

Ich denke, dass es Sinn macht, das auszuhalten. Zumindest, wenn die Partnerschaft ansonsten gut und glücklich ist. Dann ist es wirklich keine gute Idee, aus verletztem Stolz alles hinzuschmeißen. Ja, es ist schwierig, es ist kränkend, aber es lohnt sich, am besten mit professioneller Hilfe, rauszufinden, was da eigentlich passiert ist und warum mich das so verletzt.

Aktuell ist ein Trend zur offenen Beziehung oder Polyamorie zu erkennen. Könnten Sie sich das für Ihre Ehe vorstellen? Und wie halten Sie es mit der Eifersucht?

Wir haben da ja im Podcast sehr viel drüber gesprochen. Bei uns war das so, dass Charlotte am Anfang unserer Beziehung sehr eifersüchtig war, da haben wir in der Therapie mit Frau Dr. Amalfi viel darüber gelernt. Dann ist sie total souverän geworden und auf einmal war ich der Eifersüchtige. Und das ist doch auch so ein typischer Paar-Mechanismus: Wenn einer eine Position belegt hat, dann bleibt dem anderen oft nur noch das Gegenteil. Und wenn einem das dann bewusst wird, kann man ja auch einfach mal wieder tauschen.

Letzte Frage: Haben Sie mit dem Podcast Paaren schon mal geholfen, zusammenzubleiben – oder hoffen Sie das zumindest? Ganz nach dem Motto: Uns geht es doch allen ähnlich, wir sitzen im gleichen Boot.

Uns schreiben viele Paare, dass „Paardiologie“ ihnen geholfen hat, aber nicht notwendigerweise dabei, zusammenzubleiben. Wir bekommen auch Nachrichten nach dem Motto: „Vielen Dank, wegen euch habe ich endlich die Kraft gefunden, mich zu trennen!“ Das ist ja manchmal auch die richtige Lösung. Eine sehr junge Frau, die Single ist, hat auf Instagram neulich geschrieben: „Wenn ich groß bin, möchte ich so werden wie ihr.“ Das finde ich ein schönes Kompliment.

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