Austria

Antisemitismusbericht: IKG befürchtet Anstieg durch Corona-Krise

Freiwillige verteilen Kippot in Berliner Parks

© APA/dpa/Gregor Fischer / Gregor Fischer

550 Vorfälle im vergangenen Jahr gemeldet - mehr als eine Verdoppelung binnen fünf Jahren.

Die Zahl der antisemitischen Meldungen ist in Österreich ein weiteres Mal gestiegen. Der Antisemitismusbericht für das Jahr 2019 verzeichnet insgesamt 550 Vorfälle, was einer Steigerung um 9,5 Prozent binnen zwei Jahren entspricht und eine mehr als eine Verdoppelung binnen fünf Jahren bedeutet. Knapp die Hälfte davon ist eindeutig dem rechtsextremen politischen Umfeld zuordenbar.

Erhoben werden die Vorfälle von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) und dem Forum gegen Antisemitismus (FgA). Waren es 2008 lediglich 46 Meldungen, liegt man seit dem Jahr 2017 mittlerweile über der Schwelle von 500. Zurückzuführen ist das sowohl auf einen tatsächlichen Anstieg von judenfeindlichen Aktionen, als auch auf ein gesteigertes Bewusstsein, antisemitische Vorfälle zu berichten. Dennoch gibt es eine Dunkelziffer.

Die Coronakrise könnte einen weiteren Anstieg mit sich bringen, befürchtet der Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Benjamin Nägele, im Gespräch mit der APA. Er warnt davor, das Judenhass in der Mitte der Gesellschaft ankommen könnte.

In den vergangenen Jahren waren es Ereignisse, wie Entwicklungen im Nahostkonflikt, die Terroranschläge vom 11. September oder die Finanzkrise, die vermehrt zu antisemitischen Vorfällen geführt haben. Klassische antisemitische Verschwörungsmythen - Stichwort "Brunnenvergifter" - würden aber auch in der derzeitigen Coronapandemie vermehrt bedient, beobachtet der IKG-Generalsekretär.

Judenfeindliche Aktionen bei "Hygienedemos"

Vor allem bei den sogenannten "Hygienedemos" gegen die Corona-Maßnahmen kommt es derzeit vermehrt zu judenfeindlichen Aktionen. Diese ließen sich auch nicht den klassischen Kategorien zuordnen, wie politisch rechts oder links motiviert. Denn auch in der Esoterikszene oder etwa unter Impfgegnern wachse die Empfänglichkeit für Stereotype. "Es zeigt, wie gefährlich dieses antisemitische Virus ist", so Nägele, der in der Problematik eine große Herausforderung sieht.

"Stehen hier noch am Anfang"

Dennoch sieht der IKG-Generalsekretär die Situation in Österreich "zum Glück um einiges stabiler" als in Deutschland - wobei er überzeugt ist, "dass wir hier noch am Anfang stehen" und sich die Situation etwa durch die sich anbahnende Finanzkrise zuspitzen könnte. Hilfreich sei jedenfalls die laut Nägele gute Kooperation mit der Regierung und dem Verfassungsschutz. Dialog finde statt, hilfreich sei etwa die Antisemitismusstrategie des Bundes.

Trotz der Sorge um die Mitte der Gesellschaft waren im Jahr 2019 aber immer noch etliche Übergriffe rechtsextrem motiviert, wie der Antisemitismusbericht zeigt. Ein fast genauso großer Teil war wiederum keiner klassischen Kategorie zuordenbar. So könne man etwa bei Hakenkreuz-Schmierereien oft nicht wissen, ob tatsächlich Neonazis am Werk waren, oder sich etwa Islamisten dieses Symbols bedienen, gibt Nägele zu bedenken.

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