Austria

Als hätten diese Filme den Brexit prophezeit ...

Am 12. Dezember sind Neuwahlen in Großbritannien – ein impliziter Brexit-Vorentscheid. Auch das Kino verhandelt die Spaltungen dieser Nation, mal patriotisch, mal mit Hintersinn. Fünf Empfehlungen.

Dunkirk

Von Christopher Nolan, 2017
Netflix

Angesichts von Christopher Nolans Abenteuern im Großbudget-Gefilde Hollywoods („The Dark Knight“, „Inception“) ist man oft geneigt zu vergessen, dass der Mann gebürtiger Londoner ist. Schon sein Debüt „Following” schickte Zuschauer auf rätselhafte Schnitzeljagd durch die britische Metropole. Doch in seinem Kriegs-Blockbuster „Dunkirk“ wählte Nolan ein Thema, dass untilgbar ins Geschichtsbewusstsein seines Herkunftslandes eingeschrieben ist: Die maritime Evakuierung hunderttausender Soldaten, die, 1940 in Dünkirchen von deutschen Truppen eingekesselt, auf Tod oder Gefangenschaft warteten.

Es fällt leicht, den Film als melodramatische Brexit-Schmiere zu deuten: Briten raus aus Europa, zurück in die Heimat! Doch es gibt konträre Lesarten: Die Aufnahmen ertrinkender Infanteristen evozieren auch Bilder von Mittelmeerflüchtlingen. Jedenfalls gelingt Nolan hier bei allem Bombast das Kunststück eines sündteuren Avantgardefilms. Er verzichtet auf Genre-typische Heldenfiguren und spaltet das Geschehen in drei Teile: Land, Wasser, Luft. Jede dieser Perspektiven deckte eine andere Zeitspanne ab – doch dank geschickter Parallelmontage merkt man davon nichts.

Happy-Go-Lucky

Von Mike Leigh, 2008
Sky

Mike Leighs Renommee als Meisterregisseur gründet vor allem auf seiner eindrucksvollen Schauspielführung. Oft übergangen wird indes seine soziale Beobachtungsgabe – und sein Gespür für die Spaltungen, die Klassenunterschiede in der Mentalität seiner Landsleute befördern. Er zeigt, wie unterschwellige Neid- und Ausgrenzungsgefühle Wut, Hass und Argwohn speisen. Selbst sein Programmkinohit „Happy-Go-Lucky“, getragen vom unerschütterlichen Frohsinn seiner Hauptfigur Poppy (Sally Hawkins), erzählt im Hintergrund davon. Die größte Herausforderung für die unbeschwerte Lehrerin stellt ihr Fahrlehrer dar (heftig: Eddie Marsan), ein paranoider Choleriker, der überall nur Feinde und Komplotte wittert. Bei wem er wohl am Donnerstag sein Kreuzchen setzen würde?

Darkest Hour

Von Joe Wright, 2017
Amazon

Wo „Dunkirk“ zu ambivalent ist, um als Pro-Brexit-Parabel abgestempelt zu werden, dient sich besagte Interpretation bei Joe Wrights Churchill-Biopic „Darkest Hour“ regelrecht an. Auch dieser Film handelt von der berühmten Evakuierungsmission, nimmt aber die Hinterzimmer-Entscheidungsfindung in den Blick. Und er porträtiert den frischgebackenen Premierminister Winston Churchill (Gary Oldman griff unter Make-Up-Bergen erfolgreich nach dem Oscar) als charismatischen Impulsmenschen, der als einziger die wahre Gefahr Hitlerdeutschlands erkennt, auf eigene Faust U-Bahn-Volksbefragungen durchführt – und dann auch noch den intriganten Eliten zeigt, was eine Harke ist. Boris Johnson, der selbst ein Buch über Churchill verfasst hat, könnte sein Vorbild kaum zweckdienlicher in Szene setzen.

28 Days Later

Von Danny Boyle, 2002
Netflix

Panik wird in der Brexit-Debatte auf beiden Seiten geschürt. Nicht nur die „Leave“-, auch die „Remain“-Fraktion droht mit Horrorszenarien, hier für den Fall, dass der EU-Ausstieg nicht rechtzeitig verhindert werden sollte. Als filmische Illustration könnte sie dafür ganz gut den bildgewaltigen Einstieg aus Danny Boyles „28 Days Later“ nutzen: Ein Koma-Patient erwacht in einem verwahrlosten Krankenhaus, torkelt auf die Straßen – und findet London völlig menschenleer vor. Zeitungspapier flattert über die Westminster Bridge, einsam prangt der Big Ben in der Morgenröte. Am Soundtrack säen „Godspeed You! Black Emperor“ ominöses Unbehagen. Und dann kommen die Zombies, hier mehr rabiate Tollwut-Opfer als bleiche Leichen. Man wird doch noch ein bisschen übertreiben dürfen!

If...

Von Lindsay Anderson, 1968
Amazon

Immer wieder enttäuschend, wie wenig Historisches das angeblich so umfassende Angebot der Streamingdienste zu bieten hat. Auch die reichhaltige britische Filmgeschichte, selbst die jüngere, wird von ihnen weitgehend ausgeblendet. Derzeit findet sich etwa kein einziger Film des wegweisenden Sozialdrama-Veteranen Ken Loach, der erst 2016 für „I, Daniel Blake“ eine Goldene Cannes-Palme gewann, im Abo-Programm von Netflix & Co. Umso erfreulicher, wenn man doch über eine verschüttete Perle stolpert. Etwa Lindsay Andersons bilderstürmerischen Klassiker „If...“: Eine bissig-schwarzhumorige, formal verspielte Satire auf die verkrusteten Sitten britischer Privatschulen, mit einem jungen Malcolm McDowell („A Clockwork Orange“) an vorderster Front eines brutalen Brachial-Aufstands gegen das Establishment.

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