Austria

„Alles ist okay, solange es für beide Beteiligte passt“

© Getty Images/iStockphoto/Ridofranz/iStockphoto

Einer will mehr, der andere weniger: Sexualpsychologin Hauft-Kaiserseder erklärt, dass Kommunikation auch bei Intimität zählt

von Claudia Stelzel-Pröll

Lustlosigkeit ist ein großes Thema in zwischenmenschlichen Beziehungen. Derzeit geistert ein neues Buch in vielen Medien herum: Unter dem Titel „Sexfrei. Weil es okay ist, keine Lust zu haben“ fasst die deutsche Sexualtherapeutin Anica Plaßmann zusammen, was sie seit Jahren beobachtet: Im Bett ist fast alles erlaubt. Nur keine Lust haben, das geht nicht. Das sorgt für Unmut und Unverständnis.

Stefanie Hauft-Kaiserseder ist Paar- und Sexualpsychologin in Wels und spricht im KURIER-Interview über Leistungsdruck im Bett, den Frust mit der Lust und darüber, dass Sexualität viel mehr als Geschlechtsverkehr ist.

KURIER: Wer sitzt denn bei Ihnen in der Praxis und sucht Hilfe bei Lustlosigkeit?

Hauft-Kaiserseder: Das Klischee, dass Männer immer wollen und Frauen nie, stimmt definitiv nicht. Es kommen Männer wie Frauen gleichermaßen. Und zwar immer dann, wenn Ungleichgewicht in der Beziehung entsteht. Wenn ein Partner mehr möchte als der andere. Das hat sehr viel mit Sexmythen zu tun, die einen unglaublichen Druck erzeugen. Etwa mit jenem Mythos vom Mann, der immer kann und immer will. Am Sinnvollsten ist es, wenn Paare, die leiden, gemeinsam kommen.

Wie entsteht dieses Ungleichgewicht?

Wir müssen früher als beim Geschlechtsverkehr anfangen. Sexualität ist so viel mehr als der reine Akt. Es geht um Nähe, um intime Momente, um gemeinsames Baden, sich kitzeln, um Reibung in jeder Form. Wenn Menschen zu mir in die Beratung kommen, reden wir darüber, was genau sie denn nicht wollen: Den Akt oder das ganze Paket? Prinzipiell ist der Druck auf beide in der Beziehung groß: Auf denjenigen, der immer will. Er oder sie ist immer in der Bittstellerposition. Irgendwann gibt er oder sie dann auf, wenn immer nur Zurückweisung erlebt wird. Und die Person, die nie oder nur selten Lust hat, hat vielleicht Angst, den Partner an jemand anderen zu verlieren. Nun gibt es drei Möglichkeiten: Sich trennen, unzufrieden miteinander weiterleben oder reden, reden, reden.

Das ist doch keine einfache Sache, oder?

Nein, ist es nicht. Es ist noch immer ein Tabu zu sagen, das will ich oder das will ich nicht, das tut mir gut und das nicht. Das ist natürlich schwierig, weil es um etwas Intimes geht. Jeder Satz kann als Angriff wahrgenommen werden. Viele schweigen lieber, als sich angreifbar zu machen, aber das ist der Tod für eine Beziehung.

Man soll also alles auf den Tisch legen?

Das wäre gut. Oft ist das Schweigen ein Kreislauf, aus dem Paare nicht mehr alleine rauskommen. Sie brauchen externe Hilfe.

Was halten Sie von sogenanntem „Gnadensex“, um den Partner, die Partnerin nicht zu verlieren?

Das ist gefährlich, wenn das Standard wird. Einfach ein Programm runterzurattern, damit man nicht verlassen wird, hält man irgendwann nicht mehr aus. Auch hier gilt: Miteinander reden und offen mit seinen Emotionen sein, etwa zu sagen: „Ich habe Angst, dass ich dich verliere.“ Es gibt gewisse Wünsche, die werden lauter als andere artikuliert. Wichtig ist dann, bei sich selbst zu bleiben.

Ist diese Lustlosigkeit denn eine Altersfrage?

Natürlich kommen Paare, die schon viele Jahre miteinander leben. Aber es kommen mittlerweile auch viele Junge. Ich habe nichts gegen Pornografie an sich, aber wenn junge Menschen damit in ihre Sexualität starten, kann es schwierig werden. Denn das Gehirn wird reizüberflutet und viele denken, sie müssen das abliefern, was sie in Filmen sehen.

Wenn beide mit der Ist-Situation, auch ohne Sex, glücklich sind, ist das okay?

Ja, das ist total okay. Es gibt da keinen Standard, keine Norm. Okay ist alles, was beiden Teilen gleichermaßen guttut. Wenn es zwei Menschen gibt, die sich den ganzen Tag mit Peitschen schlagen und beide sind glücklich dabei, werde ich dieses Paar nie bei mir in der Beratung haben. Auch Lustlosigkeit ist gut, solange niemand darunter leidet. „Was ist normal?“ – diese Frage hasse ich. Denn normal ist für jeden Menschen etwas anderes. Wichtig ist, den gesellschaftlichen Druck rauszunehmen. Niemand muss im Bett etwas leisten.

Es ist also nicht ungewöhnlich, wenn es auch sexfreie Phasen in Beziehungen gibt?

Es gibt einen Kreislauf in Beziehungen. Alles beginnt mit der Kennenlernphase, in der alles neu, aufregend ist und in der meist die Sexualität eine große Rolle spielt. Weiter geht es mit jener Phase, in der man sich gemeinsam etwas aufbaut und einen riesigen Brocken Alltag bewältigen muss. Die Paarbeziehung rückt da temporär in den Hintergrund. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, geht es wieder zurück zur Paarbeziehung. Das ist sehr herausfordernd. Man muss sich wiederfinden. Unsere Sexualität ändert sich mit diesen Bereichen, mit unserem Alltag mit. Das ist ganz natürlich.

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